Selfpublishing unverbluemt Kolumne Folge 7 Gefährliche Schreibtipps

C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

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Folge 7: Wenn Schreibtipps gefährlich werden

Tipps fürs Schreiben und fürs Buchmarketing sind weit verbreitet. Wer vom professionellen Dasein als Autor:in träumt, will früher oder später wissen, wie man einen guten Text schreibt, ihn gut veröffentlicht und verkauft. Für nicht wenige bedeutet dabei „gut“, dass sie zur Zufriedenheit ihrer Zielgruppe handeln. Nicht nur Sachbücher, sondern auch Internetportale sind voll mit Antworten zu diesem Thema. Unzählige Autor:innen, Mentor:innen, Literaturkritiker:innen, Verlagsmenschen und Coaches haben es sich zur Aufgabe gemacht, ihre Tipps und Tricks in Text-, Bild- oder Videoform zusammenzutragen. Einige gibt es kostenlos, andere gegen Bezahlung.

Ob diese „Lehrenden“ damit die Literaturwelt bereichern, gute Taten vollbringen, ihren Unterhalt verdienen oder sich einfach nur profilieren wollen, fällt meiner Beobachtung nach ebenso unterschiedlich aus wie die Werdegänge und Erfolge dieser sogenannten Expert:innen. Sei es drum. Entscheidend ist für mich:

Tipps sind keine universalen Wundermittel

Die Meinungen schreibender und publizierender Fachleute gehen auseinander – ein Richtig oder Falsch gibt es nur bedingt. Am Ende des Tages sollte jede:r, Die/der einen Text verfasst und herausbringt, dahinterstehen dürfen. Deswegen stoßen Schreib- und Marketing-Tipps an ihre Grenzen. Sie geben eher Orientierung, um einen Anfang zu finden. Sie können zu neuen Geschichten inspirieren oder dazu aufrufen, Regeln bewusst zu brechen. So oder so verstehe ich sie als Impulse, die Raum für Experimente lassen. Erst dieses Verständnis ermöglicht eine vielfältige und authentische Bücherwelt, wie die Lesenden sie sich vermutlich auch immer wünschen werden.

Wer gezielt danach sucht, findet schnell ein Beispiel dafür, dass Autor:innen gerade deswegen erfolgreich sind, weil sie nicht den Weg eingeschlagen haben, den alle anderen gehen. Verschiedenste Stile und Ansätze können zu dem Ziel führen, dass man vom Schreiben leben kann. Deswegen möchte ich jede:n angehende:n Autor:in dazu ermutigen, den eigenen Weg zu gehen und sich auszuprobieren.

Erst recht finde ich es schade, wenn Autor:innen andere Schreibende angehen oder über sie herziehen, nur weil diese sich für einen anderen Weg entschieden haben als sie selbst. Das kann zu hitzigen Diskussionen führen, die gerade im Internet nicht selten darin gipfeln, dass Fremde sich gegenseitig beleidigen. Dabei kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass dies für irgendjemanden zu etwas Sinnvollem führt. Für mich ist so etwas reine Energie- und Zeitverschwendung. Manchmal kann ein solches Verhalten sogar gefährlich werden, nämlich wenn es zu Mobbing führt und den Menschen nicht nur die Freude am Schreiben und Veröffentlichen nimmt, sondern sogar das Selbstwertgefühl.

Wir brauchen Toleranz und Respekt gegenüber den verschiedenen Geschmäckern und Wegen dieser Welt

Ja, Schreiben ist ein Handwerk, auch dann, wenn es ums kreative, belletristische Schreiben geht. Absolut. Aber viele Aspekte, die über Rechtschreibung, Grammatik, Leserlichkeit und Lesbarkeit hinausgehen, bleiben nun mal Geschmackssache. Wenn ein Roman einem Leser durchweg gefällt, einem anderen Leser hingegen überhaupt nicht, und einer dritten Leserin ein bisschen – wer hat dann recht? Darüber könnte man ewig diskutieren, ohne dass dies zu etwas führt. Es gibt Bücher, die halten sämtliche Schreibtipps ein und landen in der Unsichtbarkeit. Und dann gibt es Bücher, die brechen die angeblichen Regeln und werden von der Masse geliebt. Und umgekehrt. Soll es doch jeder mit den Schreib- und Marketing-Regeln so handhaben, wie er möchte. Jeder Schreibende hat seine eigene Persönlichkeit und seine eigenen Prioritäten.

Aber ich schweife ab. Denn eigentlich wollte ich heute gar keinen mahnenden und pauschalisierenden Tipp geben, sondern ich möchte in dieser Episode erzählen, welche unangenehmen Situationen mir im Zusammenhang mit Schreib- und Marketing-Tipps als hauptberufliche Selfpublisherin bereits konkret widerfahren sind.

„Hast du Tipps für mich?“

Wenn ich von angehenden Autoren und Autorinnen nach Ratschlägen gefragt werde, dann nehme ich mir gerne die Zeit, darauf zu antworten. Schwierig wird es allerdings, wenn ich ganz allgemein gefragt werde, welche Schreibtipps ich hätte. Denn wozu genau möchte die Person mehr wissen? Geht es um die Ideenfindung? Ums Überarbeiten? Ums Exposé? Um den Klappentext? Cliffhanger? Darüber, wie lang ein Roman sein sollte? Schreiben ist ein riesiges Thema, deswegen sollte man schon konkreter werden und mir verraten, worum es einem geht. Mache ich mir dann die Mühe nachzufragen, kommt leider nicht selten die Antwort: „Ich hätte gerne Tipps zu … einfach allem.“ Und dann wird es wirklich heikel.

Denn erstens: Wie stellt derjenige sich das vor? Dass ich mir jetzt mal eben einen Monat freinehme, um einer fremden Person von vorne bis hinten alles aufzuzählen, was es so an Schreibtipps gibt und wie ich dazu stehe? Dinge, die schon überall im Internet irgendwo stehen, wenn man nur mit ein bisschen Menschenverstand nach ihnen sucht?

Und zweitens: Wenn diese Person schon keine Lust darauf hat, mir konkrete Frage zu stellen … hat sie dann wirklich Lust darauf, einen Roman zu schreiben und dann auch noch zu vermarkten? Das ist nämlich hundertmal mehr Arbeit, so viel steht für mich jedenfalls fest.

Und so muss ich demjenigen antworten, dass ich ihm leider nicht weiterhelfen kann.

Ich kann schon gar nicht mehr zählen, wie oft ich auf diese Erwiderung beleidigte Reaktionen bekommen habe. Dann wirft man mir vor, arrogant, egoistisch und unfreundlich zu sein … und lästert sogar vor anderen über mich. Dazu denke ich mir dann insgeheim: „Schon mal in den Spiegel geschaut?“ Aber wer diese Kolumne hier schon ein wenig verfolgt hat, kann wohl erahnen, wie ich stattdessen nach außen hin reagiere. Richtig – ich lasse den Kontakt einfach einschlafen.

Wer aber eine konkrete Schreib- oder auch Marketing-Frage an mich hat und dann sogar noch freundlich zu mir ist, hat gute Chancen, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Schade nur, dass diese zwei Voraussetzungen offenbar nicht für jeden eine Selbstverständlichkeit darstellen. Dafür, dass ich keine Zeit habe, jeden Tag ein Manuskript einer mir fremden Person gegenzulesen, hat leider auch nicht jeder Verständnis, der auf mich zukommt. So blieb mir nichts anderes übrig, als mir auch in dieser Hinsicht ein dickes Fell zuzulegen.

„Mach es auf meine Weise – oder lass es bleiben“

Mir fällt noch etwas Unangenehmes ein, das ich miterlebt habe: Ich kenne eine junge Autorin, die vor Leidenschaft und Tatendrang nur so gestrotzt hat. Mit mehreren fertigen Liebesromanen in der digitalen Schublade war sie bereit, um als Selfpublisherin voll durchzustarten. Aber leider ist sie an einen Coach geraten, der ihr für alles glasklare Regeln auferlegt hat und deutlich kommuniziert hat: „Mach es exakt so, wie ich es dir kompliziert und komplex vorgebe. Andernfalls wirst du kläglich scheitern, eine Menge Geld verlieren und dich bis auf die Knochen blamieren.“ Dass die besagte Autorin seit Monaten an einer Schreibblockade zu knabbern hat, da der empfundene Druck einfach zu stark wurde, überrascht mich nicht. Schade, dass es dazu kommen musste. War das nötig?

Ich für meinen Teil mache mein Ding

Wer meinen Werdegang ein wenig verfolgt hat, weiß, dass sich meine verlagsunabhängigen Romane erfreulicherweise sehr gut verkaufen. Dabei behalte ich als Selfpublisherin das letzte Wort über meine Texte. Das gilt auch für Anmerkungen, die Testleser:innen und Lektor:innen zu meinen Romanen machen, bevor sie veröffentlicht werden. Die meisten Änderungsvorschläge, die ich bekomme, sind prima und werden von mir umgesetzt, ohne dass ich mich angegriffen fühle. Aber letztlich gehe ich nach meinem Bauchgefühl, und wenn ich mich gegen eine Korrektur entscheide, bin ich natürlich froh, wenn sich deswegen niemand gekränkt fühlt. Eine harmonische Zusammenarbeit voller Reflexion, Toleranz und Respekt ist wichtig, denn nur so macht es Spaß und man kann gemeinsam produktiv sein. Darüber, was eine konventionelle Schreibregel besagt, will ich jedenfalls auch in diesem Zusammenhang nicht verbissen diskutieren müssen.

Ich hatte mal eine Testleserin, die war recht speziell. Wann immer sie mir Rückmeldung zu einem neuen Roman gab, war ihr Tonfall scharf und aggressiv. Monatelang nahm ich das hin. Zermürbend wurde es für mich, als sie mir wieder und wieder vorwarf, dass ich Hollywoodfilme plagiieren würde. Wie sie darauf kam? Ganz einfach: Ihr fiel zu jeder Geschichte mindestens ein Film ein, in dem die Hauptfigur den gleichen Beruf hat wie meine Hauptfigur. Mehr nicht. Aber das reichte ihr schon, um mir derartige Vorwürfe zu machen. Und das kann einer Autorin selbst dann, wenn an den Vorwürfen nichts dran ist, den Tag vermiesen. Als sich das Verhaltensmuster wiederholte, fragte ich mich, ob ich mich von dieser Testleserin trennen sollte. Das war emotional für mich, weil ich vorher noch nie an diesen Punkt gelangt bin. Aber mit der Zeit hat sie mir diese Entscheidung abgenommen, könnte man sagen. Es passierten dann nämlich noch drei Dinge:

Erstens fand sie einen meiner nächsten Romane richtig doof, so durchweg, von vorne bis hinten, ohne dass ihr irgendetwas daran auch nur ansatzweise gefallen hat. Und wir sprechen hier von „Sweet Suffering“, also dem Roman, mit dem ich zum allerersten Mal in die Top 5 der allgemeinen Kindle-Charts gekommen bin. Zweitens meinte sie zu meinem Roman „Mein Herz? Eine Festung“, dass dieser wirke, als wäre er wahnsinnig schnell und lieblos runtergeschrieben worden. Für dieses Werk habe ich aber genauso lange gebraucht wie für andere. Drittens war sie dann jedoch von „Love the Fiancé“ restlos begeistert und hat sich gar nicht mehr eingekriegt vor Freude. Ausgerechnet das Manuskript habe ich aber wirklich schnell runtergeschrieben, nämlich im Rahmen der „One Week Challenge“, bei der ich versucht habe, einen Kurzroman in einer Woche zu schreiben. Alles in allem kam ich zu dem Entschluss, dass mich diese Testleserin eher verrückt macht, als mir zu helfen, meine Geschichten zu verbessern. Das ist weder ihre Schuld noch meine. Mir ist nur klargeworden, dass unsere Vorstellungen zu weit auseinandergehen. Und so habe ich mich für ihren Einsatz bedankt, ihr ein Taschenbuch ihrer Wahl geschickt und mich von ihr verabschiedet. So schnell und locker, wie sie darauf reagiert hat, wurde mir klar, dass ihr das Testlesen genauso wenig Spaß gemacht haben dürfte, wie es mir Freude bereitet hat, ihre Rückmeldungen zu lesen. Es hat einfach nicht gepasst.

Genauso wenig konnte ich damit etwas anfangen, als mal ein anderer Romance-Selfpublisher zu mir kam und meinte: „Hey, dein Roman Süß wie Zitronen entspricht keinem gängigen Plot-Modell. Es kann also gar nicht sein, dass der Roman so gut läuft, das kann ich mir nur mit Betrug erklären. Hier, ich habe den Roman analysiert und die Diskrepanzen in einer Excel-Tabelle dargestellt. Und überhaupt – was soll der Titel bedeuten? Der verwirrt doch nur!“ Schön und gut, der Umfang der Analyse war beeindruckend. Aber was wollte mir der Kollege damit sagen? Immerhin befand sich besagter Roman zu dem Zeitpunkt gerade auf Platz 2 des gesamten Kindle-Rankings auf Amazon. Wäre ich an dem Tag sensibel drauf gewesen, hätte mich seine Aussage treffen können. Wofür?

Seit geraumer Zeit lautet meine Devise also: Coaches, Agenturen, Testleser:innen und Schreibende können mir gerne ihre Meinung mitteilen, wenn es darum geht, was eine Geschichte „gut“ macht. Aber es bleibt mir überlassen, ob ich dem zustimme. Genauso wie ich es mir offenhalte, ob und inwiefern ich auf Anfragen für Tipps meinerseits reagiere.

Nächsten Monat erfahrt ihr, warum beim Wort „gratis“ die Nerven blank liegen. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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