Selfpublishing unverbluemt Kolumne Folge 6

C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

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Folge 6: Wenn die Buchmesse mich umzubringen versucht

Sind wir doch mal ehrlich: Buchmessen sind schon für Lesende der reine Wahnsinn. Die extra Herausforderungen einer Pandemie lasse ich sogar mal außen vor. Tagelang kämpft man sich durch einen nicht enden wollenden Strom an Besuchenden, die zu Hunderttausenden in die riesigen, stickigen Hallen pilgern. Unendlich viele Eindrücke prasseln an all den Verlagsständen auf einen ein … und zwar ständig. Dazu gibt es einen immensen Presserummel, überteuerte Hotelzimmer, überfüllte Züge oder Straßen, und mehr Veranstaltungspunkte sowie Kontaktmöglichkeiten, als man je an einem langen Wochenende bewältigen könnte. Und nachdem so ein vollgepackter Messebesuch in der Regel auch mit Sitzgelegenheits-, Schlaf- und Flüssigkeitsmangel einhergeht, kann so ein Aufenthalt bei der Leipziger oder Frankfurter Buchmesse auch schnell zu einer körperlichen Strapaze ausarten. All das nimmt man dafür, dass man gleichgesinnte Leseratten oder seine Lieblingsautor:innen treffen kann, in Kauf.

Verrückter geht es nicht

Doch. Es geht noch verrückter. Und zwar, wenn man sich in das Wagnis „Buchmesse“ nicht als reine Leseratte stürzt, sondern als Autor:in. Das erfordert, wie ich inzwischen weiß, sogar ein bisschen Todesmut. Aber ich greife vorweg.

Insbesondere für mich als Selfpublisherin, die für ihr Marketing komplett selbst verantwortlich ist, bedeutet so eine Buchmesse eine Menge an Vorarbeit und Vorleistung: Programmpunkte, an denen ich mitwirken will, muss ich frühzeitig eigenständig organisieren. Will ich an einer der Gesprächsrunden auf der Bühne teilnehmen, eine Signierstunde an einem Messestand abhalten, vielleicht sogar einen eigenen Stand präsentieren, aus meiner Neuerscheinung vorlesen, Postkarten verteilen, Stammleser:innen treffen, einen Platz bei einem Brunch ergattern und Autogrammkarten anbieten, liegt es an mir, mich um all das zu kümmern – rechtzeitig, professionell und selbst finanziert. Niemand nimmt mir die Aufgabe ab, etwa zu überlegen, welche Art von Merchandising-Kugelschreiber ich in Auftrag geben könnte. Und in der Regel bleibt es auch mir überlassen, all solche Dinge durch die Hallen zu schleppen. Während, aber auch schon vor der Buchmesse führt das zu zusätzlichen Belastungen für Kopf, Körper und Kasse. Und zwar ohne, dass man dafür im Gegenzug massenweise Buchverkäufe erwarten darf. Dafür ist eine Buchmesse nicht primär da, sondern um sich unter anderem mit Kooperationspartnern und bereits bestehenden Lesenden zu vernetzen. Dessen sollte man sich – gerade als Newcomer – bewusst sein.

Die Vorteile der Buchmessen liegen dennoch auf der Hand

Frankfurter Buchmesse CR ScottHat man Lust auf die Vorbereitung und den Rummel, ist eine Buchmesse auch für Selfpublisher:innen eine schöne Sache. Gerade dann! Denn wo sonst hat man die Möglichkeit, derart viele andere „Einhörner“ zu treffen wie in Leipzig und Frankfurt? Dabei ist es wahr: So selten und exotisch wie ein Einhorn kann man sich gerade als hauptberufliche:r Selfpublisher:in in seinem stillen Schreibkämmerlein durchaus mal fühlen. Macht aber wie gesagt nichts, denn auf der Buchmesse wird man daran erinnert, dass man gar nicht so allein ist, wie es einem manchmal vorkommt, und kann sich langfristig mit Gleichgesinnten vernetzen. Und wo sonst kann man sich mit seinen Stammleser:innen von Angesicht zu Angesicht unterhalten? Wo sonst darf ich als Selfpublisher:in auf einer Bühne stehen und von meinen Erfahrungen sprechen? Oder höchstpersönlich ein Autogramm geben und mit einem Lächeln überreichen? Wo sonst habe ich die Möglichkeit, Dienstleister im persönlichen Gespräch genauer kennenzulernen, bevor ich mich auf eine Zusammenarbeit einlasse? Außerdem eignen sich sowohl die Leipziger als auch die Frankfurter Buchmesse bestens dafür, um zum Messestand des heimlichen Lieblingsverlags zu schleichen und sich dazu überwinden, sich vorzustellen. Selbst, wenn man mit seiner Verlagsunabhängigkeit glücklich ist, schadet das nie. Vielleicht kann man gemeinsam mit dem Verlag trotzdem ein tolles Projekt auf die Beine stellen, das mal in eine andere Richtung geht – wer weiß?

Ja, all diese Chancen bieten die großen Buchmessen im März und im Oktober für uns Schreibende. Hinzu kommt, dass ich mich immer extrem motiviert fühle, wenn ich von einer Messe zurückkehre und mich zurück an meinen Schreibtisch setze. Gerade der Rummel tut mir zwischendurch gut, damit mir in meinem einsamen Elfenbeinturm nicht die Decke auf den Kopf fällt und die stillen Schreibstunden wieder genießen kann. Teilweise zehre ich von diesem Effekt mehrere Wochen lang.

Wie gesagt, ein bisschen Todesmut gehört dazu

Man muss sich nur im Klaren darüber sein, dass man als Buchmessegänger fast schon, na ja, gefährlich lebt. Weder Autor:innen noch Lesenden kann ich empfehlen, versehentlich an einem Stand vorbeizugehen, an dem gerade beispielsweise Sebastian Fitzek signiert. Wer mal eben schnell durch den Gang huschen will, um ins Freie zu gelangen, könnte das in der nächsten Sekunde bereits bitter bereuen.

Mir passierte genau das auf einer Buchmesse. Plötzlich werde ich von unzähligen Fitzek-Autogrammjägern eingepfercht, kann mich nicht mehr vorwärts und nicht mehr rückwärts bewegen, und bekomme kaum noch Luft. Den Leuten um mich herum zu beteuern, dass ich gar nicht für ein Autogramm anstehe, hilft auch nicht weiter. Minutenlang bin ich gefangen, inmitten eines Durchganges auf der Frankfurter Messe. Der Hallenausgang ist zum Greifen nah, sogar näher als Sebastian Fitzek, und doch kostet es mich fünfzehn Minuten, sicherlich an die zwei Liter an Schweißperlen und den einen oder anderen Anflug einer Panikattacke, ehe ich mich schließlich, vollkommen benommen, an der frischen Luft wiederfinde.

Aber was einen nicht umbringt … versucht es später erneut

Inwiefern ich mich bei der nächsten Buchmesse anders durch die Hallen bewegen wollte, um eine solche Situation in Zukunft dann doch lieber zu vermeiden, vor allem bei meinem Orientierungssinn? Keine Ahnung, ich dachte anschließend, ich hätte ein Jahr Zeit, um mir einen Plan zu überlegen.

Da ging es ja schon los: In Wahrheit hat man nur ein halbes Jahr Zeit, denn die Leipziger Buchmesse kann einem ebenso zum Verhängnis werden. Auch in Leipzig nämlich blickte ich während einer Messe bereits dem Tod ins Auge. Allerdings widerfährt mir das nicht in einer der Hallen, sondern spät abends im Hotelzimmer, das ich mir mit einem „Kollegen der dunklen Seite der Macht“, also einem Verlagsautor, teile. Beide liegen wir schon in unseren Betten und sind vollkommen erschöpft vom regen Messetag, da kracht auf einmal der Fernseher von der Wand und landet genau zwischen unseren Einzelbetten auf dem Boden! Ein alter, schwerer Röhrenfernseher, wohlgemerkt, der an der Wand über meinem Bett befestigt gewesen ist und mir womöglich auch auf den Kopf hätte fallen können.

Ich habe keine Ahnung, wieso das Gerät ausgerechnet dort gehangen hat, weshalb überhaupt noch Hotels einen schweren Röhrenfernseher verwenden oder warum der Rezeptionist, als wir den Vorfall am nächsten Morgen melden, lediglich wissen will, ob uns das denn jetzt stört, dass da ein kaputtes Gerät auf dem Boden zwischen unseren Betten liegt. Aber eins kann ich sagen: Buchmessen haben es in sich. Da können einem Dinge passieren, die man glatt im nächsten Roman verarbeiten müsste. Oder eben in einer Kolumne wie dieser hier. Allein schon dafür könnte sich ein Besuch lohnen.

Heute startet übrigens die Frankfurter Buchmesse. Besucht den Selfpublisher-Verband doch in Halle 3.0 Stand B105. Und nächsten Monat erfahrt ihr, wie gefährlich Schreibtipps werden können. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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