Selfpublishing unverbluemt Kolumne Folge 5

C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

Folgenübersicht


Folge 5: Wenn Lesende über die Stränge schlagen

Post von Menschen, die meine Bücher gelesen haben, hat mir schon so manchen Tag versüßt. Welche:r Autor:in hat es nicht gerne, wenn sich ein Fan meldet, der das neueste Werk regelrecht verschlungen hat und absolut begeistert ist? Solche Rückmeldungen gehen runter wie Öl und beflügeln zu neuen Schreibtaten. Ich genieße den engen Kontakt, den man insbesondere als Selfpublisher:in zu seiner Leserschaft hat, und tausche mich gerne mit ihnen aus. Manchmal jedoch überspannt ein:e Leser:in den Bogen, und zwar so weit, dass es mir die Sprache verschlägt.

Bernhard*, der Stalker

Da wäre zum Beispiel Bernhard*, der mir in einer E-Mail schreibt, dass er schon sieben E-Books von mir in seinem digitalen Bücherregal hätte und gern wissen würde, ob es mir gefällt, dass ich seinetwegen Geld verdient habe. Durch das Studieren der Sexszenen in meinen Liebesromanen wüsste er nun übrigens genau darüber Bescheid, welche Vorlieben ich hätte, auf welchen Typ Mann ich persönlich stünde und was mich privat anmachen würde.

Gisela*, die Mitteilungsbedürftige

Oder da wäre Gisela*, mit der ich auf Facebook Kontakt habe und die mir freundlicherweise näher erläutert, was ihr an meinen Romanen gefällt. Das freut mich und ich schreibe gerne ein paar Mal mit ihr hin und her. Allerdings macht sie es sich plötzlich zur Aufgabe, mir täglich ziemlich intime Handyfotos aus ihrem Privatleben zu schicken, die unter anderem ihren halbnackten Mann im Tigertanga zeigen, weil sie nun einfach alles mit mir teilen möchte.

Friedrich*, noch ein Stalker

Und dann wäre da Friedrich*, der mich anschreibt, um mich über seine detektivischen Fähigkeiten aufzuklären. Er habe nämlich herausgefunden, wo ich wohne, und findet, dass man dort wirklich gut essen gehen kann. Zum Beispiel für ein Date. Aber ich solle mir keine Sorgen machen, schließlich sei er kein Stalker. Das möchte er unbedingt betonen.

Marie*, die Erpresserin

Zu guter Letzt fällt mir noch Marie* ein, die in meiner Facebook-Gruppe eine andere Leserin beleidigt, und zwar wieder und wieder, was demnach über 800 Gruppenmitglieder sehen können. Als ich sie daraufhin in einer privaten Nachricht bitte, dies zu unterlassen, fordert sie mich auf, mich ihren Beleidigungen gegen die andere Leserin anzuschließen. Würde ich ihrem Wunsch nicht nachkommen, müsste ich damit rechnen, sie als Stammleserin zu verlieren.

Harter Tobak, oder?

Schwarze Schafe gibt es überall, aber sie sind und bleiben die Minderheit

Natürlich handelt es sich bei diesen genannten Beispielen um Extremfälle und somit um Ausnahmen, denn die allermeisten Lesenden, mit denen ich zu tun habe, verhalten sich nicht so. Der Großteil entpuppt sich als netter Kontakt. Der einen oder anderen Stammleserin habe ich sogar echt schöne Erlebnisse zu verdanken.

Ich erinnere mich da etwa an Lena*, die mich am Dubliner Flughafen erkannt und angesprochen hat, sodass wir uns nett über Gott und die Welt unterhalten haben, anstatt stumm und allein aufs Boarding zu warten.

Und ich erinnere mich an Pia*, die auf einer Frankfurter Buchmesse mit mir über die Blogger:innenszene gesprochen hat, als gerade sonst niemand zu meinem Meet&Greet an den Stand gekommen ist. Ich dachte während unseres ganzen Gesprächs, dass sie spontan aus Mitleid auf mich zugekommen ist, und habe erst hinterher durch ihren Blogbericht erfahren, dass sie den Messestand gezielt meinetwegen aufgesucht hat. So oder so: Wäre sie nicht auf mich zugekommen, dann hätte ich bei diesem allerersten Meet&Greet womöglich eine Viertelstunde lang allein dagestanden; dabei ist so ein Termin ja extra dafür da, dass Autor:innen und Leser:innen sich unterhalten können.

Auch allgemein verdanke ich meinen Leser:innen viel. Jeden Tag lassen sie mich an ihrer Begeisterung, ihrer Neugier und ihren Überlegungen teilhaben. Und natürlich plaudern wir nicht ausnahmslos über meine Romane, sondern auch über die Literaturbranche an sich und über alles, was uns einfällt. Das macht es so interessant und schön.

In den zuvor genannten Extremfällen ist es aber leider so, dass mir diese Leser:innen zu nahe treten. Denn ich möchte nun mal nicht mit fremden Männern über meine sexuellen Vorlieben sprechen, die im Übrigen sowieso nichts mit meinen fiktiven Liebesromanen zu tun haben. Auch lasse ich mich nicht zu Cybermobbing erpressen, damit mir eine einzelne Leserin angeblich treu bleibt. Und ich habe auch kein Interesse daran, dass mir jemand, der meine Bücher gelesen hat, intime Fotos schickt.

Wer veröffentlicht, wird zur öffentlichen Person

Fakt ist: Als Autor:in steht man – mal mehr, mal weniger – in der Öffentlichkeit und muss damit rechnen, dass das, was man in seinen Romanen schreibt oder Leser:innen antwortet, anders ausgelegt werden kann, als man es gemeint hat. Wie ich erfahren durfte, haben andere – insbesondere ebenfalls hauptberufliche – Selfpublisher:innen schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Vereinzelte Leser:innen treten ihnen zu nahe und reagieren damit darauf, was diese Autor:innen in ihren Werken formuliert haben, wie sie als Autorenmarke auftreten, wie sie ihre sozialen Kanäle pflegen und was sie in Foren, Newslettern oder direkten Nachrichten an ihre Lesenden schicken. Und genau wie ich machen diese Autor:innen sich Gedanken darüber, wie sie in einem solchen Fall reagieren sollen, so in der Öffentlichkeit. Schließlich könnte sich ihr Verhalten herumsprechen.

Um das noch einmal klarzustellen: Leser:innen sind ein wichtiger und wunderbarer Bestandteil des Autor:innenlebens, und ich persönlich verfolge nicht das Ziel, mein Berufsleben völlig vom Privatleben zu trennen. Es gibt sogar Leserinnen und auch Selfpublisher:innen, die ich inzwischen zu meinen Freunden zähle.

Aber wenn man das Glück hat, dass die eigenen Bücher Tausende bis Zehntausende von Leser:innen finden, so ist man in der Regel nicht mit all diesen Menschen befreundet. Zudem sind ihre Nachrichten an mich teilweise für alle sichtbar, nämlich auf Facebook & Co. in Form von Beiträgen und Kommentaren. Wie geht man also damit um, wenn ein:e Leser:in die Grenze mal überschreitet, man aber im Hinterkopf behalten muss, dass auch noch viele andere Menschen die Reaktion mitbekommen könnten? Immerhin möchte man niemandem auf den Schlips treten.

Totschweigen funktioniert erstaunlich gut

Tatsächlich handhabe ich solche Kontakte ganz ähnlich wie die bösen 1-Stern-Rezensionen, die meine Bücher regelmäßig bekommen: Ich lasse mir die Sprache verschlagen und erlaube mir, überhaupt nichts zu antworten. Aufdringlichen Leser:innen gegenüber bleibe ich ebenso still, wie ich es bei den beleidigenden Leser:innen bin. Denn wenn diese aufdringliche Person mich offenbar schon einmal falsch verstanden hat, dann laufe ich Gefahr, dass sie auch jede weitere Reaktion von mir missversteht. Deswegen antworte ich, wenn mir zum Beispiel ein Bernhard* in einer E-Mail schreibt, dass er jetzt meine sexuellen Vorlieben kennt … richtig, gar nichts. So vermeide ich nicht nur, mein Gegenüber zu verletzen, sondern es hilft mir auch dabei, möglichst zügig mit der unangenehmen Situation abzuschließen.

In der Tat schlafen derartige Kontakte dadurch schnell ein. Vielleicht nehmen diese Leser:innen an, dass ich gar nicht erst dazu gekommen bin, mir ihre Nachricht anzusehen. Vielleicht denken sie sich aber auch gar nichts weiter dabei und sind mit ihrer Aufmerksamkeit schnell woanders, weil sie ihre unangemessene Nachricht an mich im Affekt geschrieben haben. Auf jeden Fall verlaufen die Anfragen im Sande, und jeder geht seines Weges.

Aus diesem Grund kann ich allen Autor:innen, die mal an eine:n aufdringliche:n Leser:in geraten, nur den Tipp geben, kein weiteres Feuer in den Troll zu füttern. Okay, jetzt habe ich zwei Sprichwörter, die dieselbe Aussage haben, durcheinandergebracht. Aber das dürfte meine Behauptung eigentlich nur untermauern.

Wie gesagt, zu den allermeisten Leser:innen habe ich einen tollen Kontakt und genieße den Austausch sehr. Aber schwarze Schafe gibt es leider überall, so auch hier. Stillschweigen zu bewahren, hat sich für mich als gute Methode erwiesen, um damit umzugehen.

Nächsten Monat erfahrt ihr, wie mich die Buchmesse umzubringen versucht. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift

* Sämtliche Namen der direkt oder indirekt zitierten Personen wurden von der Autorin geändert.


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

Erfahre mehr …


Interesse am Verband?

Abonniere unseren kostenlosen Newsletter. Wir werden Dir einmal im Monat Informationen zum Selfpublishing und den aktuellen Entwicklungen in der Buchbranche zukommen lassen und dich über neue Verbandsaktionen informieren.

0 Comments

Leave a reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*

Schreiben Sie uns

Sending

Log in with your credentials

or    

Forgot your details?

Create Account