C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

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Folge 13: Wenn die Muse mich nicht küsst

„Ach, das ist doch egal, wenn du eine Schreibflaute hast. Du bist Selfpublisherin. Bei dir ist das nicht so schlimm.“

Zugegeben, bis ich zum ersten Mal selbst von einer Schreibblockade betroffen war, dachte ich auch: Verlagsunabhängige Autorinnen und Autoren trifft das nicht so hart, denn sie haben keinen Verlag im Rücken, dem sie ein Abgabedatum vertraglich zugesichert haben.

Aber ich sollte eines Besseren belehrt werden.

Verlage machen Druck – auch ungewollt

Bevor ich Selfpublisherin wurde, habe ich mich auf klassischem Weg bei Verlagen und Literaturagenturen beworben – immer und immer wieder. Wenn ich dann mal eine Zusage bekommen habe, war die Freude groß. Zwar ging es nur um kleine Projekte zwischendurch, aber hey, der erste Schritt in Richtung Schriftstellerkarriere war getan.

Doch schnell spürte ich einen gewissen Druck auf meinen Schultern lasten und fragte mich: Was passiert, wenn ich den Abgabetermin nicht einhalten kann, obwohl beispielsweise keine „greifbare Erkrankung“ dahintersteckt, sondern eine Schreibblockade? Welche Sanktionen hätte ich zu erwarten und inwiefern könnte das meinem Ruf schaden? Immerhin habe ich einem renommierten und erfahrenen Unternehmen gegenüber, das namhafte Autor:innen vertritt, ein schriftlich festgehaltenes Versprechen gegeben. Nicht, dass der Verlag mich fallen lässt und vielleicht sogar anderen Häusern davon abrät, mich unter Vertrag zu nehmen. Für mich war das zu diesem Zeitpunkt eine absolute Horrorvorstellung.

Tja, zu all diesen Befürchtungen ist es damals nicht gekommen. Obwohl ich mich unter Druck gesetzt gefühlt habe, konnte ich jedes Werk fristgerecht abgeben … und auch innerhalb der dafür vereinbarten Zeitspanne überarbeiten.
Mehr noch: Aus heutiger Sicht gehe ich jede Wette ein, dass eine spätere Abgabe kein Ding der Unmöglichkeit gewesen wäre, vor allem wenn ich meine Situation hätte plausibel erklären können. Im Verlag arbeiten Menschen, die wissen, dass ich auch nur ein Mensch bin – und in der Regel handelt es sich um nette, sympathische und aufgeschlossene Personen. Erst recht hätte wohl kein Verlag im Falle einer Verschiebung ein böses Wort über mich vor Dritten verloren – allein schon deswegen, weil Verlage in der Regel Besseres zu tun haben.

Folglich war alles gut. Und …

Im Selfpublishing kann man ja sowieso machen, was und wann man will, oder?

So dachte ich, als ich ins Selfpublishing wechselte. „Was soll schon passieren?“, lautete in Bezug auf Schreibblockaden meine neue Devise. „Anscheinend trifft mich so etwas sowieso nicht. Und notfalls verschiebe ich den Veröffentlichungstermin einfach nach hinten. Ich bin doch jetzt mein eigener Buchboss, ha!“

Doch dann passierte es: Selbstzweifel schlichen sich in meinen Kopf und ließen mich jede neue Zeile, die ich mühevoll zu Papier brachte, hinterfragen. Nichts, was ich schrieb, gefiel mir noch. Nichts war gut genug. Ich war nicht mehr gut genug. Der Respekt vor dem leeren Blatt Papier wurde größer. Dieser Respekt mutierte wiederum zu blanker Angst. Bis irgendwann überhaupt nichts mehr ging und ich gar nicht erst versuchte, mich vors Manuskript zu setzen.

So oft ich die Muse auch küsste – sie küsste mich nicht zurück. Nicht einmal ein flüchtiges Busserl auf die Wange gönnte sie mir noch. Am Ende traute ich mich nicht einmal mehr, ihr hoffnungsvoll einen Luftkuss zuzuwerfen. Dadurch fühlte ich mich noch schlechter und machte mir erst recht Vorwürfe. Ich blockierte. Eine fette Schreibblockade, wie sie im Bilderbuch steht, hatte Besitz von mir ergriffen. Als mir dies vollends klar wurde, steckte ich bereits mittendrin.

„Okay“, sagte ich daraufhin zu mir selbst, „nun hat es dich nach all den Jahren also auch mal erwischt. Und das, obwohl du nun endlich wirtschaftlichen Erfolg hast und deine Fans auf neuen Lesestoff von dir warten, der daran anknüpft … oder gerade deswegen?“

In den nächsten Wochen ging es also darum, den Selbstzweifeln auf den Grund zu gehen und die Schreibblockade aufzulösen. Dazu gibt es viele Meinungen und Theorien, und es würde den Rahmen sprengen, an dieser Stelle näher darauf einzugehen. Ich war jedenfalls eine Weile damit beschäftigt, meinen Weg zu finden. Dabei habe ich mich sogar relativ schnell damit abgefunden, dass mein nächster Liebesroman später als geplant erscheinen und somit auch zeitversetzt anfangen würde, Einnahmen zu generieren. Ja, selbst mit diesem unschönen Gedanken kam ich noch einigermaßen klar.

So weit, so gut.

Damit ist es allerdings noch lange nicht getan

Denn nach einiger Zeit meldete sich meine Lektorin bei mir und wollte wissen, wie ich vorankam und ob es beim vereinbarten Abgabetermin bleiben würde. „Oh, da war ja was!“ Denn weil ich ja auch im Selfpublishing auf ein Lektorat angewiesen bin, um einem Manuskript den Feinschliff zu geben, habe ich nach wie vor Deadlines, die ich nicht einfach sausen lassen kann. Schnell sprach ich die Lektorin offen auf das Problem an und beichtete ihr, dass ich den Termin nicht schaffen würde. Es kostete sie einige Umstände, umzuplanen, ohne in Hinblick auf ihre anderen Aufträge in den Leerlauf oder in Stress zu geraten. Das bescherte mir natürlich Gewissensbisse – und half bei meinem noch laufenden Selbstfindungsprozess nicht unbedingt.

Ich wollte aber wenigstens dazulernen und meldete mich bei der Korrektorin direkt eigenständig, um mit ihr ebenfalls die Situation zu klären und zu schauen, wie man das Beste daraus machen kann.

Auch bei den weiteren Stationen des Veröffentlichungsprozesses gab es bereits feste Termine: Ich hatte für die Tage nach dem ursprünglichen Erscheinungstermin Anzeigen auf Internetportalen gebucht, für die ich nun abklären musste, ob ich sie verschieben oder stornieren kann … und welche Konsequenzen damit verbunden sind. Auch mit ausgewählten Bloggern war ein Event zum Release geplant. Ebenso hatten sich meine Testleser, denen ich den Roman bereits angekündigt hatte, schon auf die Abgabe gefreut, einige von ihnen hatten sich extra dafür Lesezeit freigeschaufelt. All diese Leute vertrösten zu müssen, tat mir furchtbar leid. Ich mochte mir gar nicht erst ausmalen, wie es wäre, wenn noch andere Autor:innen involviert gewesen wären, etwa wenn man zusammen eine Reihe oder Anthologie geplant hat.

Spätestens da wurde mir bewusst:

Wer vom Schreiben lebt und nicht mehr fristgerecht schreibt, hat früher oder später immer ein Problem.

Denn in der Regel bedeutet professionelles Veröffentlichen automatisch, dass andere Leute mitmischen, die Kernkompetenzen besitzen, die ich nicht selbst abdecken kann … oder möchte. Mit diesen Dienstleistern habe ich im Vorfeld Termine ausgemacht, da sie natürlich auch noch anderes zu tun haben. Wenn ich diese Termine nicht einhalten kann, weil mein Manuskript nicht rechtzeitig fertig wird, ist das für diese Personen womöglich blöd. Auch im Selfpublishing. Zumal man dort keinen Verlag hat, an den man sich als ersten Ansprechpartner wenden kann, wenn man merkt, dass man allein nicht mehr aus der Schreibblockade herauskommt.

Zudem geht es für Berufsautoren letztlich nun mal ums Geld. Wird das Buch nicht fertig, kann ich logischerweise nichts daran verdienen. Da kann ich die Muse noch so böse anstarren und ihr noch so viele Steine an den Kopf werfen. Es hilft nichts.

Schreibblockaden sind also in vielerlei Hinsicht unschön, auch für Verlagsunabhängige. Das habe ich endgültig gelernt.

Das kleinere Übel

Dennoch kann ich für meinen Teil sagen, dass ich mich hundertmal wohler damit fühle, wenn es mir als Selfpublisherin passiert, dass ich eine Veröffentlichung nach hinten verschieben muss. Das kann ja immer mal passieren … nicht nur wegen einer Schreibblockade, sondern vielleicht auch aufgrund eines Lockdowns, einer Erkrankung, eines Trauerfalls, eines kurzfristigen Umzugs, Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft oder aus anderen – negativen wie positiven – Gründen.

Aber auch bei einer Blockade geht es in meinen (heutigen) Augen nicht darum, wer „Schuld“ daran hat. Entscheidend ist, im Hinterkopf zu haben, dass Termine neu koordiniert werden sollten – möglichst rechtzeitig. Ich muss bedenken, dass auch bei uns Selfpublishern andere davon betroffen sein können. Spricht man es offen an, stößt man meistens auf Verständnis und man bekommt es irgendwie hin, umzuplanen. Daher ist Offenheit auf jeden Fall der richtige Weg. Nur sollte er dann auch gegangen werden, so früh es geht. Das haben die Menschen, die uns so tatkräftig dabei unterstützen, schöne Bücher zu zaubern, verdient.

Daran, dass mich Verlagszusagen grundsätzlich stressen, obwohl erst einmal gar nichts los ist und alle Termine realistisch gesetzt und ja vorher abgesprochen werden, möchte ich auch gerne noch arbeiten. Und es ist okay, dass diese Baustelle bei mir noch offen ist. Schritt für Schritt entwickle ich mich als Autorin weiter – über den Schreibstil hinaus. Ein Autorenleben lang. Andere Schriftsteller haben dafür vielleicht andere Baustellen. Ihr Autorenleben lang. Wäre alles andere nicht auch langweilig?

Nicht nur Schreibblockaden können die Nerven strapazieren. Denn als Selfpublisher:in schlüpft man in so viele Rollen gleichzeitig, dass es sich manchmal anfühlt, als würde einem gleich die Decke auf den Kopf fallen. Davon erzählt uns C.R. Scott in ihrem nächsten Blogartikel. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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