C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

Folgenübersicht


Folge 15: Wenn die Testleserin nicht weiß, was sie will

In der 7. Folge bin ich bereits auf Testleser:innen zu sprechen gekommen. Diesmal möchte ich ihnen sogar eine eigene Episode widmen und das Thema weiter ausführen. Denn gerade unter belletristischen Selfpublishern ist es nicht unüblich, mit mehreren Betalesern zu tun zu haben. Aber auch bei verlagsunabhängigen Sachbüchern sind Rückmeldungen aus der Lesersicht wichtig, bevor das Werk veröffentlicht wird.

Im Rahmen meiner Liebesromane habe ich seit vielen Jahren intensiv mit Testleser:innen zu tun. Welche zu finden, ist ziemlich leicht: Ein Facebook-Beitrag genügt in der Regel – und man hat mehr Bewerber:innen, als man braucht. Zu viele sollen es ja schließlich auch nicht werden. Irgendwann hat man sich dann auch aufeinander eingespielt und festgestellt, wer von den Interessenten langfristig Zeit und Lust hat, Feedback zu geben … und wer tatsächlich zur Zielgruppe passt. Dennoch durfte ich feststellen, dass es selbst dann noch zu irritierenden Situationen kommen kann. Ein paar der eher verwirrenden Aussagen, die Testleser:innen mir gegenüber schon mal getätigt haben, möchte ich im Folgenden anonym zitieren.

„Ich habe eine andere Art von Liebesroman erwartet.“

Das kann vor allem dann passieren, wenn ein:e Testleser:in zum ersten Mal ein Manuskript von mir zu lesen bekommt. Vorher habe ich zwar anhand des Covers, des Klappentextes, der Leseprobe und meines ganzen Auftritts als Autorenmarke zu vermitteln versucht, welche Art von Liebesroman ich anbiete. Trotzdem kann es in vereinzelten Fällen zu Missverständnissen kommen, weil die Person keinen seichten, sondern beispielsweise einen tiefgründigen Liebesroman erwartet hat. Ein solches „Mismatch“ will man vor allem vermeiden, wenn das Buch dann auf dem Markt ist, denn das kann zu Retouren und negativen Bewertungen führen. Aber gänzlich ausschließen lässt es sich leider nie. Und so muss es einen nicht direkt verunsichern, wenn es in der Testlesephase mal vorkommt. Erst wenn sich solche Fälle häufen, sollte man sein Marketingkonzept überdenken. Betrifft es aber nur vereinzelte Testleser:innen, kann man sich fürs Missverständnis entschuldigen und getrennte Wege gehen, ohne seine Strategie zu ändern.

„Der neue Roman gefällt nicht! Das Manuskript davor war besser.“

Tatsächlich bekomme ich eine solche Rückmeldung regelmäßig zu lesen. Manchmal auch andersherum – der neue Roman kommt prima an, dabei hat der Vorgänger nicht so gefallen. Anfangs hat mich diese Art von Feedback überrascht. Denn ich bin automatisch davon ausgegangen, dass man meinen Schreibstil entweder grundsätzlich mag oder nicht. Aber dass es bei ein und derselben Testleserin variieren kann, ob ihr eine Geschichte von mir gefällt oder nicht, habe ich ehrlich gesagt nicht erwartet. Nicht in dem Ausmaß, dass sie das eine Manuskript in den höchsten Tönen lobt und vom anderen regelrecht enttäuscht ist. Denn meine Empfindung ist eigentlich immer, dass ich nach demselben Schema vorgehe und meinem Stil durchweg treu bleibe. Aber auch das scheint normal zu sein. Solange sich die negativen Rückmeldungen zu ein und demselben Werk nicht häufen, muss man sich also auch davon nicht verunsichern lassen. Inzwischen habe ich mich an dieses Phänomen gewöhnt.

„Der Roman ist zu kurz.“

Wer so etwas in der Art vorgeworfen bekommt, muss ebenfalls nicht direkt in Panik geraten. Wie ich mit der Zeit festgestellt habe, kann das nämlich auch einfach ein Kompliment sein: Der Roman hat so gut gefallen, dass das Lesen kurzweilig war und man gerne noch länger in der Geschichte geblieben wäre. Streng genommen fehlt der Leserin aber nichts und sie ist zufrieden. Dementsprechend bekomme ich solche „Vorwürfe“ auch zu Manuskripten, die über 120.000 Wörter lang sind.

„Die Geschichte gefällt mir nicht, aber warum das so ist, kann ich nicht sagen.“

Von diesem Zitat leitet sich die Überschrift der Folge ab, denn das ist tatsächlich ein Feedback, das mich ratlos macht. Natürlich ist es vollkommen in Ordnung für beide Seiten, wenn eine Testleserin offen zugibt, dass ihr der Text nicht gefallen hat. Aber wenn sie nicht einmal ansatzweise begründen kann, warum, wird es schwierig. Denn dann habe ich als Autorin keine Chance, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, ob ich ihr recht gebe und das Manuskript dahingehend überarbeiten möchte. Dennoch ist es das gute Recht eines jeden Testlesers, einfach nur zu sagen, dass der Roman ihn nicht angesprochen hat, ohne zu argumentieren. Immerhin dürfte man andersherum auch sagen, dass es einem gefallen hat, ohne dies erläutern zu müssen. In beiden Fällen würde ich jedoch mit dem Gedanken spielen, mich von denjenigen als Testleser:innen zu trennen, sollte es häufiger zu derart nichtssagendem Feedback kommen. Testleser:innen sind schließlich sehr wohl dazu da, um ihre Ansichten der Autorin gegenüber zu begründen. Das ist jedenfalls meine Meinung.

„Kannst du nicht mal über einen armen anstatt über einen reichen Mann schreiben?“

„Ja klar, das könnte ich. Aber das würde dann nicht mehr zu meiner etablierten Marke passen. Demzufolge würde es sich nicht sonderlich gut verkaufen. Das ist einfach so.“ So etwas in der Art antworte ich, wenn eine solche Frage an mich herangetragen wird – was regelmäßig vorkommt. Natürlich freue ich mich über die Neugierde, die ich darin erkenne. Aber ich überspringe inzwischen den Schritt, mich zunächst von einer solchen Forderung verunsichern zu lassen. Ich verdiene nun mal mit einer bestimmten Sorte von Liebesromanen meinen Lebensunterhalt und treffe somit viele Entscheidungen basierend auf der Markttauglichkeit. Andere Autor:innen haben wiederum womöglich andere Prioritäten. Aber wenn ich einer Testleserin das so erkläre, treffe ich auf Verständnis. Vor allem, wenn man sich fürs Interesse bedankt und freundlich ist.

„Dazu wünsche ich mir unbedingt eine Fortsetzung! Und die Nebenfiguren sind mir so ans Herz gewachsen – die sollten ihre eigenen Geschichten bekommen!“

So ein Feedback freut mich natürlich. Und es ist eine durchaus konstruktive Aussage für mich, weil es mir zeigt, dass ich auf einem guten Weg bin mit dem Manuskript. Aber sosehr ich mich dadurch geschmeichelt fühlen könnte – ich schreibe nun mal hauptberuflich. Eine Fortsetzung bedeutet grundsätzlich ein höheres finanzielles Risiko. Es ist natürlich okay und sogar schön, dass dieser Wunsch geäußert wird. Aber es ist auch in Ordnung, ihm nicht nachzukommen und dies ehrlich zu kommunizieren.

„Das Cover geht gar nicht.“

Obwohl ich meine Testleser:innen nie explizit nach ihrer Meinung zum Cover frage, schicke ich es ihnen mit und bekomme hin und wieder eine negative Rückmeldung zum Entwurf. Dann bedanke ich mich für den Hinweis und lasse die Person wissen, dass die Mehrheit darüber entscheiden wird, ob der Entwurf überarbeitet wird oder nicht. Generell gilt bei allem, was meine Testleser:innen mir rückmelden: Änderungswünschen wird dann nachgekommen, wenn ich entweder sofort im Bauchgefühl habe, dass sie gut wären, oder wenn mindestens fünf Betaleser unabhängig voneinander denselben Wunsch bzw. dieselben Bedenken äußern. Ich persönlich finde, das ist eine vernünftige Regelung, die fair für alle ist. Und damit kommen meine Testleser:innen wunderbar klar.

Respektvolle, ehrliche Kommunikation ist wichtig

Fassen wir zusammen: Habt ihr mit Testleser:innen zu tun, kann es vorkommen, dass eure Meinungen auseinanderdriften. Wichtig ist, respektvoll miteinander umzugehen. Dann ist es auch vollkommen in Ordnung und sogar wichtig, ehrlich zu sein. Das gilt natürlich für beide Seiten. Unter diesen Voraussetzungen ist eine Zusammenarbeit sehr gut möglich und obendrein konstruktiv.

Übrigens muss man sich nicht davon verunsichern lassen, wenn die allererste Rückmeldung zum neuen Manuskript durchweg negativ ist und dabei auch noch ausführlich begründet wird. Entweder ist das eine Chance, den Text besser zu machen, bevor er in die weite Welt entlassen wird – dafür sind Testleser:innen ja in erster Linie da. Oder aber es folgen zehn weitere Rückmeldungen, die hingegen positiv sind. Dann hat man direkt Übung darin, wie es ist, mit verschiedenen Geschmäckern konfrontiert zu sein und insgesamt dennoch einen guten Job gemacht zu haben, was die Zielgruppe angeht.

In vielerlei Hinsicht sind Testleser:innen eine gute Sache, nein, ein wahrer Segen für uns Selfpublisher:innen. Ein Lektorat ersetzen sie nicht, doch sie sind eine wichtige Ergänzung, die ich nicht missen möchte. Ich kann schon lange nicht mehr zählen, wie oft ich an meinen Manuskripten Änderungen vorgenommen habe, bevor sie ins Lektorat gegangen sind. Änderungen, über die ich extrem glücklich bin, aber auf die ich ohne meine lieben Testleser:innen nie gekommen wäre.

Gerade am Anfang musste ich dabei aber lernen, dass man sich von schonungslos negativer Kritik nicht verrückt machen lassen muss. Und dass es in vereinzelten Fällen für beide Seiten auch mal sinnvoll sein kann, getrennte Wege zu gehen. Auch das ist kein Weltuntergang. Wie gesagt, es kommt nicht oft bei mir vor. Nicht wenige in meinem Testleserteam sind von Anfang an dabei, also seit nunmehr viereinhalb Jahren. Und das, obwohl ich bekanntlich eine Vielschreiberin bin (zu dem Thema kommt bald eine eigene Folge). Deswegen ist es für mich auch selbstverständlich, mich regelmäßig bei meinen Testlesern zu bedanken. Mal mit Worten … mal mit einer extra für sie gestalteten Tasse … mal mit Merchandising. Denn die Zeit, die Energie und auch den Mut, den Testleser:innen investieren, um mir zu helfen, nehme ich bei all dem Selbstbewusstsein, das ich gegenüber negativer Kritik aufbauen konnte (und musste – darüber habe ich ja schon in der 2. Folge gesprochen), keineswegs als selbstverständlich.

Danke, werte Testleser:innen, dass es euch gibt!

In der nächsten Kolumne erzählt uns C.R. Scott davon, wie sie von einem renommierten Verlag abgelehnt wurde und wie sie damit umgegangen ist. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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