Selfpublishing unverblümt Kolumne Folge 1

C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

Folgenübersicht


Folge 1: Wenn meine Familie mich im Stich lässt

Endlich ist der große Moment gekommen: Mein Buch ist fertig und steht kurz davor, veröffentlicht zu werden! Also lade ich im Sommer 2015 meinen Debütroman bei Amazon KDP hoch. Und ich habe wirklich ein gutes Gefühl, denn alles ist so, wie ich es mir vorgestellt habe: Den Liebesroman zu schreiben, hat Spaß gemacht. Dass ich Vorausdeutungen, Rückblenden und Traumsequenzen wild in die Handlung streue und nur bedingt als solche entlarve, finden die Lesenden bestimmt pfiffig. Auch dass ich für ein deutschsprachiges Publikum aus japanischer Sicht erzähle, ohne gewisse kulturelle Gepflogenheiten oder Vokabeln zu erklären, kommt sicher authentisch an. Wer weiß, vielleicht handle ich mir damit sogar einen Literaturpreis ein? Die Möglichkeiten sind grenzenlos! Apropos Authentizität: Das Cover habe ich natürlich selbstgemacht und entgegen gängiger Genre-Konventionen gestaltet. Bestimmt wollen die Lesenden etwas Ungewohntes geboten bekommen. Außerdem möchte ich mich selbst entfalten, auch wenn es ums Design meiner supertollen Geschichte geht.

Umso mehr wundert es mich, dass mein Roman auch Tage nach der Veröffentlichung immer noch nicht die Kindle-Charts stürmt. Dabei habe ich allen aus meiner Familie und meinem Freundeskreis den Amazon-Link geschickt! Müssten die nicht längst in Scharen damit beschäftigt sein, jedem, den sie kennen, von dem Buch zu erzählen? Wie viele von ihnen haben das E-Book wohl schon gekauft … und daran gedacht, sich auch die Taschenbuchausgabe zuzulegen? Ich habe vorher extra durchgezählt – wenn alle, die ich kenne, mitziehen, müsste mein Roman an der Top-1000er-Marke des Verkaufsrankings kratzen! Doch davon ist er weit entfernt.

Was ist schiefgelaufen?

Die Detektivin in mir ist geweckt und begibt sich auf digitale Recherchereise durch die sozialen Medien und Chatfenster. Überrascht stelle ich fest, dass kaum jemand aus meinem Freundes- und Familienkreis sich mit meiner Neuerscheinung befasst. Überrascht und enttäuscht. Automatisch bin ich davon ausgegangen, dass meine Angehörigen regelrecht darauf brennen, mein Buch auf ihren sozialen Kanälen zu vermarkten, es vor Kolleg:innen in den höchsten Tönen zu loben und mit zahlreichen eigenen Bestellungen an die Spitze der Charts zu katapultieren. Stattdessen stelle ich fest, dass selbst meine beste Freundin Besseres zu tun hat, als rund um die Uhr allen Menschen da draußen zu erzählen, wie stolz sie auf mich sei und wie toll mein Buch doch geworden ist.

Das ist jetzt echt blöd, denn darauf habe ich mich vollkommen verlassen! Dementsprechend habe ich mich nicht weiter mit Banalitäten wie Anzeigenkampagnen oder der organischen Sichtbarkeit befasst.

Misserfolg auf ganzer Linie

Und so bleiben meine Verkäufe im Keller, und zwar so tief, dass die Zahlen sich für mich schon fast nach Werten im Minusbereich anfühlen. Einen Plan B habe ich nicht im Ärmel. So weit, so schlecht. Meinen Freunden und Verwandten gegenüber bin ich erst einmal beleidigt, denn die haben mich ordentlich im Stich gelassen. Wer hätte auch ahnen können, dass sie anderes vorhaben, als für mein Buch das Marketing zu übernehmen … und zwar auf die aufdringlichste Art und Weise, die man sich nur vorstellen kann? Ich jedenfalls nicht, so irgendwie.

Weitere Zeit vergeht. Die Tränen trocknen. Meinen Lieblingsmenschen, die mich so im Stich gelassen haben, wird vergeben und verziehen. Ich rapple mich auf und komme zu der Erkenntnis, dass es noch einen anderen Weg geben muss, um die Welt auf meine kreative Schöpfung aufmerksam zu machen. Einen besseren Weg. Überhaupt mal einen Weg. Ich muss eine andere Richtung einschlagen, denn in der Sackgasse, in der ich offensichtlich gelandet bin, komme ich nicht weiter. Und vielleicht gelingt es mir, der Wahrheit lange genug ins Gesicht zu sehen, um zu erkennen, dass das Problem nicht erst beim Marketing beginnt, sondern bei etwas viel Grundlegenderem: Bei meinem Buch, das ich mehr für mich selbst geschrieben habe als für irgendjemand anderen. Dieser Gedanke ist ein harter Brocken, an dem ich eine Weile zu kauen habe, bevor ich ihn herunterschlucken kann.

Alles auf neu

Aber ich tue es. Ich kaue und schlucke. Und erfinde mich neu. Ich wechsle den Künstlernamen und schreibe meinen Debütroman – abermals. Diesmal überlege ich mir genau, für welche Zielgruppe ich schreiben möchte. Und ich schaue mir den Markt an: Welche vergleichbaren Titel schaffen es in die Top 100? Zudem spreche ich mit gestandenen Selfpublisher:innen. Diese empfangen mich mit offenen Ohren und Herzen, gerne teilen sie ihre Erfahrungen mit mir. Auch ich habe ein offenes Ohr und höre ihnen zu, setze mich damit auseinander, was sie mir zu sagen haben.

Auf diese Weise entsteht Schritt für Schritt mein nächster Liebesroman. Mit allem, was dazugehört. Diesmal packe ich die Angelegenheit hoffentlich richtig an, um mir endlich den Traum zu erfüllen, vom Schreiben zu leben. Das Cover passt zum Genre und Subgenre, der Titel ist ein Eyecatcher, der Klappentext macht neugierig und die Leseprobe endet mit einem spannenden Cliffhanger. Die Release-Party bei Facebook steht in den Startlöchern, am Erscheinungstag verlose ich ein paar exklusive Tassen mit dem Covermotiv. Selbst einen Newsletter lege ich an und bewerbe ihn über eine Facebook-Anzeige, deren Zielgruppe ich so gut definiere, wie ich kann.

Plötzlich wird ein Traum wahr

Was dann passiert, kommt mir bis heute wie ein Traum vor: Anfang November 2017 erscheint „Play My Game“ unter meinem neuen Pseudonym C. R. Scott. Auch diesmal möchte ich meine Angehörigen darauf aufmerksam machen, doch bevor ich dazu komme, schießt das E-Book bereits in die Top 10 der allgemeinen Kindle-Charts. Da begreife ich, dass es keinen Grund für mich gibt, bedingungslose Marketing-Unterstützung von meinen Liebsten zu erwarten. Weder wollen sie das leisten, noch habe ich das nötig. Entscheidend ist, dass ich eine große Masse an Lesenden anspreche, die mich zwar nicht kennt, aber mein Buch interessant findet. Und das habe ich geschafft. Wochenlang bleibt „Play My Game“ in den Top 100, auch die Taschenbuchausgabe läuft gut. Nach kurzer Zeit ist klar: Ich kann meinen stressigen Verlagsjob kündigen und mich ganz aufs Schreiben konzentrieren. Endlich.

Meine Eltern, meine beste Freundin und andere, die ich kenne und schätze, mussten dafür keinen Finger krümmen. Wenn ich ehrlich bin, ist das auch besser so. Seit meinem – zweiten – Debütroman wächst meine Stammleserschaft stetig und sie ist authentisch. Somit habe ich die Authentizität bekommen, nach der ich mich gesehnt habe. Und das macht mich stolz. Vermutlich noch stolzer, als meine beste Freundin tatsächlich auf mich ist. Und das ist vollkommen in Ordnung.

Mit meinem Durchbruch als Vollzeit-Selfpublisherin ist jedenfalls der Grundstein für so manch weitere unangenehme, aber lehrreiche Erfahrung gelegt. Erfahrt mehr darüber jeden 20. des Monats im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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