Betrugsmasche

Der Verlag ist echt – die E-Mail nicht

/

,

Stell dir vor, du wirst von einem renommierten britischen Verlag angeschrieben, weil dieser prüfen möchte, ob dein Buch sich für eine Übersetzung und die Veröffentlichung auf dem englischsprachigen Markt eignet.
Du bist zunächst skeptisch. Schließlich hast du schon genug über E-Mails gehört, die beispielsweise Bücher in den Himmel loben, unglaubliche Verkaufszahlen versprechen oder sogar mit einer Verfilmung locken und sich bei genauerem Hinsehen als Scam herausstellen.
Also recherchierst du.
Der Verlag existiert tatsächlich. Er ist bekannt, seriös und auf seiner Webseite findest du sogar die Person, die dich angeschrieben hat. Name und Position stimmen. Auch die E-Mail-Adresse sieht richtig aus. Zumindest auf den ersten Blick …

Erste Kontaktaufnahme durch die „Verlagsmitarbeiterin“ (Name und Verlag durch uns geschwärzt)

Du antwortest auf die Mail und erhältst weitere Informationen. Für die nächsten Schritte sollst du dich an eine Literaturagentin wenden, die dein Manuskript für den Verlag prüfen wird.

Weiterleitung an die „Literaturagentin“ (Name und E-Mail-Adresse durch uns geschwärzt)
Der Wunsch der Autorin nach einem Telefonat oder Videocall wird durch die „Verlagsmitarbeiterin“ abgelehnt

Es ist das erste Mal, dass du ein Buch übersetzen lässt und mit einem ausländischen Verlag in Kontakt stehst. Du weißt also nicht genau, wie die Abläufe normalerweise aussehen, und verlässt dich zunächst auf die Expertise der vermeintlichen Verlagsmitarbeiterin. Trotzdem recherchierst du auch die genannte Literaturagentin und wirst erneut fündig. Name, Tätigkeit, beruflicher Hintergrund: Alles scheint zu stimmen.

Alles wirkt vertrauenswürdig.

Wie branchenüblich bittet die Agentin dich um ein Exposé, ein Anschreiben und dein Manuskript als PDF-Datei. Du sendest ihr die Unterlagen zu, in der Hoffnung, bald eine positive Rückmeldung zu erhalten.

Antwort der „Literaturagentin“ (Namen durch uns geschwärzt)

Ein paar Tage später möchtest du der Verlagsmitarbeiterin mitteilen, dass du die angeforderten Unterlagen an die Agentin geschickt hast. Doch plötzlich lässt sich deine E-Mail nicht mehr zustellen.

Dein Misstrauen kehrt zurück. Leider zu spät.

Du recherchierst erneut. Auf dem LinkedIn-Profil der echten Verlagsmitarbeiterin wirst du schließlich fündig: Inzwischen warnt sie dort vor Betrüger:innen, die in ihrem Namen Autor:innen kontaktieren. Auch auf der Webseite des Verlags findet sich nun eine entsprechende Warnung. Leider kommen diese für dich zu spät.

Als du die E-Mail-Adresse aus deiner ursprünglichen Nachricht noch einmal Zeichen für Zeichen mit der offiziellen Adresse auf der Verlagswebseite vergleichst, entdeckst du den Unterschied:

Da fehlt ein Buchstabe.

Nur ein einziger.

Ein kleines Detail, das beim schnellen Lesen kaum auffällt. Doch jetzt weißt du: Du bist auf einen Scam hereingefallen.

Eine Masche, vor der inzwischen auch große Verlage warnen

Passiert ist dies kürzlich der Selfpublisherin Rose-Lise Bonin, die sich entschieden hat, ihre Erfahrungen mit anderen Autor:innen zu teilen. Sie ist weder unerfahren noch naiv. Sie hat bereits mehrere Bücher im Selfpublishing geschrieben und veröffentlicht, kennt sich mit digitalen Medien aus und weiß auch über verschiedene Betrugsmaschen Bescheid.

Und trotzdem war sie vor dieser Masche nicht sicher.

Genau das macht diese Form des Betrugs so gefährlich: Die Betrüger:innen erfinden nicht zwangsläufig irgendwelche Verlage, Agenturen oder Personen, die sich mit einer kurzen Google-Suche als Fälschung entlarven lassen. Stattdessen nutzen sie die Identitäten real existierender Menschen und Unternehmen. Namen, Berufsbezeichnungen, Logos und öffentlich zugängliche Informationen können übernommen werden, sodass eine Recherche zunächst sogar den Eindruck erweckt, die Anfrage sei echt.

Auch große internationale Verlage und Branchenorganisationen warnen inzwischen vor solchen Identitätsbetrügereien. Dabei werden unter anderem echte Namen von Verlagsmitarbeiter:innen und Literaturagent:innen verwendet und E-Mail-Adressen beziehungsweise Domains erstellt, die den echten zum Verwechseln ähnlich sehen. Manchmal unterscheidet sie nur ein Buchstabe, eine Zahl oder ein zusätzliches Zeichen.

Das bedeutet: Die Frage „Existiert diese Person wirklich?“ reicht zur Überprüfung nicht mehr aus. Denn die Antwort darauf kann durchaus „Ja“ lauten, nur sitzt die echte Person möglicherweise gar nicht am anderen Ende der E-Mail.

So kannst du dich schützen

Erhältst du unerwartet eine Nachricht von einem Verlag, einer Agentur oder einer anderen Person aus der Buchbranche, solltest du dich deshalb nicht allein auf die Angaben in der E-Mail verlassen.

Überprüfe die E-Mail-Adresse Zeichen für Zeichen.
Achte nicht nur auf den Namen vor dem @-Zeichen, sondern insbesondere auf die Domain dahinter. Fehlt ein Buchstabe? Wurde einer hinzugefügt? Wurden zwei Buchstaben vertauscht? Wird statt der offiziellen Unternehmensdomain eine ähnlich klingende Domain oder ein kostenloser Mailanbieter verwendet? Solche kleinen Abweichungen können leicht übersehen werden.

Nutze für die Überprüfung einen unabhängigen Kontaktweg.
Antworte bei Zweifeln nicht einfach auf die erhaltene E-Mail. Rufe stattdessen die offizielle Webseite des Verlags oder der Agentur selbst im Browser auf und nutze die dort angegebenen Kontaktdaten. Frage beispielsweise kurz nach, ob die betreffende Person dich tatsächlich kontaktiert hat. Wichtig ist, dass die Kontaktdaten nicht aus der verdächtigen Nachricht selbst stammen.

Überprüfe auch die zweite Kontaktperson.
Nur weil die empfohlene Agentin tatsächlich existiert, bedeutet das nicht, dass du mit ihr kommunizierst. Wird dir eine Literaturagentur, ein Übersetzungsdienst, ein Lektorat oder ein anderer Dienstleister genannt, solltest du auch dort über die offizielle Webseite Kontakt aufnehmen und die Anfrage bestätigen lassen.

Sei besonders vorsichtig bei unerwarteten Angeboten.
Natürlich ist es nicht grundsätzlich unmöglich, dass jemand auf dein Buch aufmerksam wird und dich kontaktiert. Gerade bei einem außergewöhnlich attraktiven Angebot – internationale Veröffentlichung, Übersetzung, Filmrechte oder hohe Vorschüsse – lohnt es sich jedoch, besonders genau hinzusehen.

Klicke bei Zweifeln keine Links an und öffne keine unbekannten Anhänge.
Bei Phishing geht es nicht immer nur darum, später Geld zu verlangen. Links und Anhänge können ebenfalls dazu dienen, Zugangsdaten oder andere persönliche Informationen abzugreifen.

Und wenn du bereits Unterlagen verschickt hast?

Zunächst solltest du den Kontakt abbrechen und keine weiteren Daten, Dokumente oder Zahlungen übermitteln. Informiere anschließend die echte Person beziehungsweise das Unternehmen, dessen Identität missbraucht wurde. So kann dort gegebenenfalls eine Warnung veröffentlicht und gegen die betrügerische Domain oder den Account vorgegangen werden.

Hast du Zahlungsdaten, Ausweiskopien oder andere sensible persönliche Informationen weitergegeben, solltest du zusätzlich schnell handeln: Passwörter ändern, betroffene Konten absichern und, falls Zahlungsinformationen betroffen sind, deine Bank beziehungsweise deinen Zahlungsdienstleister kontaktieren. Je nach Fall kann außerdem eine Anzeige sinnvoll sein.

Und auch wenn „nur“ dein Manuskript verschickt wurde, solltest du den Vorfall dokumentieren. Bewahre die E-Mails einschließlich der vollständigen Absenderadresse, Anhänge und gegebenenfalls Screenshots auf.

Misstrauen ist kein Zeichen von Unprofessionalität

Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Fall ist vielleicht: Auf solche Betrugsmaschen können auch erfahrene Autor:innen hereinfallen.

Die Methoden werden professioneller. Betrüger:innen nutzen echte Namen, echte berufliche Lebensläufe, Logos und Informationen, die öffentlich im Internet zu finden sind und scheinen sich in der Branche auszukennen. Dadurch können selbst mehrere erfolgreiche Recherchen ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln.

Deshalb gilt bei überraschenden Verlags- und Agenturangeboten: Nimm dir Zeit. Prüfe die Kontaktdaten genau. Und bestätige die Identität der Person über einen zweiten, unabhängig recherchierten Kontaktweg.

Zusätzlich kannst du auch noch eine E-Mail an den Verlag aufsetzen:

„Ich habe eine Nachricht von einer Person erhalten, die angibt, für Ihren Verlag zu arbeiten. Können Sie mir bitte bestätigen, dass diese Anfrage tatsächlich von Ihnen stammt?“

Diese zusätzliche Mail kostet vielleicht fünf Minuten.

Und diese fünf Minuten können am Ende den entscheidenden Unterschied machen.

Anna Lena Kahnau

Jetzt teilen auf:



Selfpublishing-News

Du möchtest keinen Blogbeitrag mehr verpassen? Dann melde dich für unsere Selfpublishing-News an und erhalte einmal im Monat ein Update, was es Neues in der Buchbranche gibt und lass dich über neue Artikel im Blog informieren. Als Willkommensgeschenk erhältst du außerdem die 10 ultimativen Erfolgsgeheimnisse unserer Mitglieder von uns.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert