Wenn mehrere Autor:innen an einem Projekt schreiben
Anmerkung: Dies ist ein Gastartikel unseres Verbandsmitglieds Niklas Böhringer
Lass und gemeinsam schreiben! Aber wie?
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, gemeinsam an einem Projekt zu schreiben: Ob nun zu zweit oder in einer ganzen Gruppe, ein vollkommen neues Projekt oder als Crossover, um Figuren oder ganze Welten miteinander zu verbinden.
In diesem Artikel schauen wir uns an, auf welche Varianten mehrere Autoren an einem gemeinsamen Projekt schreiben können. Selbst erprobt, mit Tipps und Tricks zum eigenen Crossover-Projekt.
Crossover (engl. überkreuzen) sind Geschichten, die Charaktere, Schauplätze oder ganze Welten aus unterschiedlichen Büchern zusammenführen, um eine neue, eigenständige Geschichte zu erzählen. Typischerweise treffen zwei fremde Welten aufeinander. Überkreuzen sich drei oder mehr Welten, handelt es sich um ein Multicrossover.
Crossover schreiben
Der Einfachheit halber schauen wir auf das klassische Crossover, das auf mehrere Weisen geschrieben werden kann:
• Solo-Writing
• Co-Writing
• Team-Writing
Solo-Writing
Beim Solo-Writing wird die Geschichte von einer/einem einzigen Autor:in allein geschrieben. In der eigenen Geschichte taucht eine fremde Figur aus einem anderen Projekt auf. Bestenfalls kennt die/der Autor:in diese natürlich und ist mit ihr vertraut. Dabei besteht jedoch die Schwierigkeit, die Persönlichkeit und Stimme der Figur genau zu treffen, um sie passend und glaubwürdig umzusetzen. Es empfiehlt sich, einen Steckbrief anzulegen, der die wichtigsten Eigenschaften der Figur und deren Welt beschreibt. Schreiben unterschiedliche Autor:innen eine Figur, so ändert sich die Erzählstimme logischerweise jedes Mal etwas. Es gilt jedoch, diese bestmöglich an die Originale anzunähern.
Beispiele:
Nehmen wir die Buch- und Hörspiel-Reihe „Die drei Fragezeichen“ als Beispiel. In dieser Detektiv-Reihe verfassen verschiedene Autor:innen die Geschichten auf Grundlage der von Robert Arthur erschaffenen Welt. Die Autor:innen haben die Freiheit, die Charaktere zu nutzen, dürfen jedoch an den feststehenden Eckpunkten nichts ändern: eine Figur darf nicht umziehen oder sich beispielsweise so schwer verletzen, dass es Auswirkungen auf spätere Folgen hätte. Falls doch, muss dies zwingend vermerkt werden, um keine Logikfehler in die Reihe zu bringen.
Ein drastisches Beispiel beschreibt Elfie Donnellys Hörspielreihe „Bibi Blocksberg“, in der Bibi sowohl umzieht, Geburtstag hat und sogar eine Figur (ihr Bruder Boris) aus der Reihe gestrichen wird, was alle späteren Folgen beeinflusst.
Bei beiden Reihen ist es möglich, die einzelnen Teile weitestgehend unabhängig voneinander zu hören, was eine (starke) Charakterentwicklung bzw. -veränderung erschweren würde. Mit Blick auf Crossover schrieb Donnelly gleich mehrere Begegnungsgeschichten, in denen ihre Protagonisten Bibi Blocksberg und Benjamin Blümchen aufeinandertreffen. Da beide Welten ihrer Feder entstammen, ist dies kein Problem.
Eastereggs:
Manche Autor:innen machen sich dies selbst zunutze, wenn in deren Büchern Figuren oder Elemente aus ihren anderen Geschichte auftauchen. Dies kann ein spannendes Easteregg sein, das häufig nur die treuesten Fans entdecken. Da der Autor alle Figuren kennt, kann keine Unstimmigkeit in der Erzählung entstehen. So webt beispielsweise Wolfgang Hohlbein mehrfach in seinen Büchern bereits bekannte Figuren mit ein. Sofern lediglich die eigene Welt dafür benutzt wird, liegen alle Urheberrechte beim Autoren selbst, und die Vorgehensweise ist somit zu hundert Prozent legal. Es bietet eine tolle Möglichkeit, um mit den eigenen Welten zu spielen und diese miteinander zu verweben.
Co-Writing
Co-Writing ist für ein Crossover einfacher. Zwei Autor:innen schreiben an einem Projekt und jede/r kennt seine eigenen Figuren genau. Es kann ein Dialog entstehen, in dem sich die Figuren beider Autor:innen unterhalten und ihre persönlichen Merkmale beibehalten. Hierfür ist jedoch entscheidend, dass die Schreibstile beider Autor:innen harmonieren. Bereits zu Beginn sollte klar sein, in welche Richtung die Geschichte führen soll.
Beim Co-Writing ist es zu empfehlen, an einem gemeinsamen Dokument zu schreiben (z. B. GoogleDocs ermöglicht es, zur selben Zeit im selben Dokument zu schreiben). Für ein besseres Gelingen ist zu empfehlen, im stetigen Austausch zu stehen – also während des Schreibprozesses entweder zu telefonieren oder besser: sich persönlich zu treffen. Zunächst sollten die Autor:innen in einer kurzen Testphase überprüfen, ob die Schreibstile harmonieren. Sind sie beide Plotter oder Pantser? Haben sie die gleichen Vorstellungen? Diese und weitere Fragen müssen vorab geklärt werden, um erfolgreich gemeinsam schreiben zu können.
Der Schreibprozess ist auf mehrere Weisen möglich: satzweise, kapitelweise, figurenweise.
1. Beim satzweisen Schreiben wird nach jedem Satz gewechselt (ähnlich wie beim Endlosbrief, mit der Ausnahme, dass beide Autoren den Text mitlesen). Autor:in A schreibt Satz 1, Autor:in B schreibt Satz 2, A wiederum Satz 3 usw. Diese Methode ist die wohl komplizierteste Art des Zusammenschreibens und eher nicht zu empfehlen.
2. Das kapitelweise Schreiben sieht vor, dass nach jedem Kapitel gewechselt wird. Hierbei schreibt jedoch jede:r Autor:in jede Figur, was erneut die Schwierigkeit hervorbringt, die Stimme der Figur zu treffen. Es kann passieren, dass die Figuren bei den verschiedenen Autor:innen auch unterschiedlich reagieren und somit keine Einigkeit im Charakter der Figur entsteht. Eine solche Dissonanz würde die Glaubhaftigkeit zerstören.
3. Wird das Projekt figurenweise angelegt, behält jede:r Autor:in seine eigenen Figuren. Diese Art des gemeinsamen Schreibens ist eine Mischform, die je nach Szene variieren kann. Im Schreibprozess obliegt es jeder:m Autor:in, seine eigenen Charaktere handeln und sprechen zu lassen. So kann Autor:in A mit Autor:in B im Dialog abwechselnd je einen Satz mitsamt Inquit-Formel (Redebegleitsatz) schreiben. Gibt es jedoch Szenen, in denen lediglich eine Figur vorkommt oder mehr Handlung aufweist, schreibt lediglich ein:e Autor:in an dieser Szene. Ebenfalls ist es möglich, generell gemeinsame Bücher nach diesem Schema zu schreiben. Hierfür werden zunächst die Figuren aufgeteilt, sodass jede:r Autor:in nur bestimmten Figuren seine Stimme leiht.
Team-Writing
Zuletzt gibt es die Variante des Team-Writings, nach dem beispielsweise das prominente vierköpfige Autorinnen-Team unter dem Pseudonym Erin Hunter unter anderem die „Warrior Cats“-Reihe schreibt. Hier werden die verschiedenen Bereiche aufgeteilt. Victoria Holmes entwirft die Handlungsstränge und erstellt detaillierte Skizzen für die Bücher, die ihre Kolleginnen schreiben und später überarbeiten.
Andere Möglichkeiten sind ganze Schreibgruppen über digitale Plattformen (z. B. story.one oder crowdbook.app), bei denen viele Schreiber an einer Geschichte beteiligt sind. Jede:r Autor:in bringt seine ganz eigene Stärke ein. Diese Community-Projekte erlauben, je nach Art der Umsetzung, eine große Autor:innengruppe und profitieren damit von einer großen Bandbreite an spezifischem Wissen und Fähigkeiten.
FanFicton: eine rechtliche Grauzone
Die folgenden Ausführungen stellen keine Rechtsberatung dar, sondern dienen lediglich der allgemeinen Information. Die rechtliche Zulässigkeit von Fanfictions hängt vom Einzelfall ab und sollte bei Bedarf gesondert geprüft werden.
Bei Projekten, an denen mehrere Verfasser:innen beteiligt sind, muss das Urheberrecht gewahrt und genau geprüft werden, ob und auf welchem Wege die Geschichte veröffentlicht werden darf.
Häufig schreiben Fans sogenannte Fanfictions, die ohne Zustimmung der Urheber nicht erlaubt und somit rechtlich illegal sind. Beim Veröffentlichen dieser Geschichten bewegt man sich in einer rechtlichen Grauzone, da viele Rechteinhaber diese dulden, sofern sie ausschließlich nicht-kommerziell genutzt werden und sich weit genug vom Originalwerk distanzieren, um Urheberrechtsverletzungen zu umgehen. Darüber müssen sich die Fans im Klaren sein.
Es gibt Seiten wie FanFiktion.de, auf denen solche Geschichten geduldet werden. Nichtsdestotrotz stellen solche Geschichten gleichzeitig Werbung dar. Unbeliebte Bücher werden wohl kaum so oft als Vorlage genutzt.
Die mit Abstand bekannteste Reihe an Fanfictions ist die Adaption zu Rowlings „Harry Potter“: allein FanFiktion.de listet aktuell 58.750 Geschichten.
Zusammenfassung
Zusammenfassend bieten Crossover ein großes Potenzial an neuen Geschichten und gemeinsamen Projekten. Schreiben die Autor:innen selbst gemeinsam ein Crossover, verbleibt das Urheberrecht bei ihnen und ist somit frei nutzbar. Bedient man sich an fremden Werken, sollte dies bestenfalls noch vor Verfassen der Geschichte geklärt werden, um unnötige Schwierigkeiten zu vermeiden und Rechtsproblemen vorzubeugen. Außerdem wäre es schade, wenn die Mühe und die Zeit, die in der Geschichte steckt, am Ende nicht gewürdigt werden kann.

Niklas Böhringer
Hey, mein Name ist Niklas und bin angehender Grundschullehrer und Kinderbuchautor. Mein Herz schlägt für Bücher und ich engagiere mich mit Leidenschaft an Projekten rund ums Schreiben – insbesondere für (Grundschul-)Kinder.
Neben meinem Studium gebe ich Nachhilfe für Kinder mit Deutsch als Zweitsprache (DaZ) und arbeite im Projekt boys & books der Pädagogischen Hochschule Karlsruhe mit – ein Projekt zur Leseförderung von (nicht nur) Jungen. Ich biete eine Schreibwerkstatt für Grundschulkinder an und schreibe Geschichten. 2022 erschien mein Debüt „Der Ruf der Grizzlybären 01: Das große Abenteuer“ noch während meines Abiturs, womit meine große Reise als Autor startete. Neben meinen Kinderbüchern arbeite ich schon an einer neuen Reihe für Jugendliche und verschiedenen Projekten Projekten wie (interaktiven) Hörbüchern.
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