Im Blogbeitrag über Druckkostenzuschussverlage haben wir erklärt, wie DKZV arbeiten und woran du sie erkennst. Aber wir wollten es noch etwas genauer wissen: Wie reagieren diese Anbieter, wenn man ihnen ein bewusst schwaches, KI-generiertes Manuskript schickt? Ein Erfahrungsbericht.
Das Experiment
Die Ausgangsfrage war einfach: Lesen Druckkostenzuschussverlage die eingereichten Manuskripte tatsächlich, oder ist die „Prüfung“ nur eine Fassade, hinter der ein Verkaufsprozess abläuft? Und was passiert eigentlich genau, nachdem ein DKZV ein Manuskript annimmt?
Um das herauszufinden, habe ich ein Manuskript eingereicht, das wohl kein seriöser Verlag annehmen würde. Der Text wurde vollständig mit KI generiert, war mit 20.000 Wörtern für einen Roman deutlich zu kurz, inhaltlich dünn und stilistisch bestenfalls mittelmäßig. Eine Vampir-Werwolf-Shifter-Dark Academia-Romantasy Geschichte mit Reverse Harem Trope, die alle Klischees bedient, aber keines davon gut.
Ich habe dieses Manuskript unter Pseudonym bei vier verschiedenen Anbietern eingereicht, die mir durch ihre Außendarstellung aufgefallen waren. Alle vier werben damit, „neue Talente zu fördern“, und auf alle vier wurde ich aufmerksam, nachdem ich bei Google “Verlag sucht Autoren” eingegeben hatte.
Dann habe ich gewartet. Spoiler: Ich wartete nicht lange.
Vier von vier Anbietern antworten
Alle vier „Verlage“ haben geantwortet. Drei der vier Anbieter antworteten innerhalb von vier Tagen, und da war wohlgemerkt ein Wochenende dazwischen. Der vierte ließ sich etwas mehr Zeit, dafür kam seine Zusage per Post.
Zur Einordnung: Seriöse Verlage benötigen für die Prüfung eines Manuskripts in der Regel mehrere Wochen bis Monate. Manche antworten gar nicht, wenn ein Manuskript nicht ins Programm passt oder unverlangt eingesandt wurde. Dass drei Anbieter innerhalb weniger Tage nicht nur antworten, sondern gleich Interesse signalisieren, ist an sich schon bemerkenswert, aber vielleicht war die Qualität des Manuskripts auch wirklich so gut? (Spoiler: War sie nicht.)
Anbieter A: Die freundliche Textbaustein-Maschine
Die erste Antwort war knapp, höflich und vollkommen austauschbar. Der Verlag, der sich in der Mail als traditionsreich und qualitätsbewusst beschreibt, teilte mir mit, dass mein Manuskript „Interesse geweckt“ habe und man „großes Potenzial“ darin sehe.
Kein Wort zum Inhalt, zum Genre, zu Figuren, Stil oder Handlung. Nicht einmal der Titel des Manuskripts wurde erwähnt. Die Mail hätte genauso gut auf ein Kochbuch, eine Gedichtsammlung oder ein Telefonbuch passen können.
Stattdessen wurde ich gebeten, einen „kurzen Online-Fragebogen“ auszufüllen, damit das „Eingangslektorat“ die Prüfung fortsetzen könne. Bearbeitungszeit: zwei bis drei Wochen.
Im Fragebogen wurden Daten zu meiner Person abgefragt und in einem weiteren Schritt das Genre meines Romans. Die Eingabe gestaltete sich für den Vampir-Werwolf-Shifter-Dark Academia-Romantasy Roman als etwas schwierig, schließlich entschied ich mich für “Belletristik – Fantasy und Science-Fiction” und musste dann noch angeben, ob ich in meinem Werk irgendwelche Persönlichkeitsrechte verletzen würde. Das war’s. Keine Frage zu den Urheberrechten am Werk oder dazu, ob es mit KI erstellt wurde oder sonstiges.
Eine automatisch versendete E-Mail-Bestätigung ließ mich wissen, dass man sich nach eingehender Prüfung innerhalb von zwei bis drei Wochen bei mir melden werde.
Das Muster: Lob ohne Substanz, dann ein Prozessschritt, der dich tiefer in die Verbindung mit dem Anbieter zieht.
Anbieter B: Die überraschend detaillierte Analyse
Die zweite Antwort war anders. Deutlich anders. Ein Lektor meldete sich mit einer „persönlichen Rückmeldung“ und lobte konkrete Textstellen aus dem ersten Kapitel. Er zitierte Gegenstände, die im Manuskript vorkommen, und analysierte, wie diese „die soziale Positionierung der Erzählerin konsequent einordnen und so das Nicht-Dazugehören ohne erklärende Einschübe verankern.“
Klingt beeindruckend? Auf den ersten Blick schon. Auf den zweiten Blick fällt auf: Diese Analyse klingt verdächtig nach KI-generiertem Feedback.
Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Anbieter eingereichte Manuskripte durch eine KI analysieren lässt und die Ergebnisse in personalisierte Antworten verpackt. Das ist geschickt, denn es vermittelt den Eindruck, jemand habe sich tatsächlich tiefgehend (ev. sogar noch tiefgehender als die Autor:in selbst) mit dem Text beschäftigt.
Danach folgte der psychologische Feinschliff: Das Manuskript werde nun an die Verlagsleitung weitergeleitet, die „persönlich“ über die Aufnahme ins Programm entscheide. Pro Saison nehme man nur eine „begrenzte Anzahl neuer Titel“ auf. Die meisten Einsendungen müsse man nach der Erstprüfung ablehnen, aber mein Manuskript komme weiter, und das sei „ein gutes Zeichen“.
Das ist verkaufspsychologisch tadellos: Erst Anerkennung, dann Exklusivität, dann Verknappung, dann Hoffnung. Der Inhalt des Manuskripts spielt dabei keine Rolle. Es geht darum, eine emotionale Bindung aufzubauen, bevor das eigentliche Angebot (mit Kostenbeteiligung) kommt.
Anbieter C: Bekanntes Muster mit gedrückten Daumen
Die dritte Antwort folgte demselben Grundmuster wie Anbieter A: Allgemeines Lob, kein Wort zum Inhalt, Verweis auf einen Online-Fragebogen und zwei bis drei Wochen Bearbeitungszeit durch ein „Eingangslektorat“.Der Fragebogen war ähnlich aufgebaut wie bei Anbieter A. Auch hier legt man weniger auf Inhalte wert als auf die “rechtliche Absicherung”, dass die Autorin im vorliegenden Manuskript keine Persönlichkeitsrechte verletzt.
Die Programmleitung unterschrieb die Mail persönlich mit ihrem Namen und „drückte beide Daumen“.
Ich habe natürlich (wie auch den beiden anderen Anbietern) geantwortet, mich unglaublich gefreut, dass mein Manuskript so positive Rückmeldung bekommen hat, und konnte mir den Kommentar nicht verkneifen, dass ich mir ebenfalls die Daumen drücke.
Anbieter D: Das Paket
Während die ersten drei Anbieter per Mail antworteten, wählte der vierte einen anderen Weg: nämlich den per Post. Eine Wochen nach meiner Einsendung lag ein kleines Paket im Briefkasten, hochwertig verpackt. Darin: ein gedrucktes Gutachten zu meinem Manuskript, die Übersicht über verschiedene Veröffentlichungspakete mit Preisen und der Verlagsvertrag in dreifacher Ausfertigung.
Anders als bei den ersten drei Anbietern baut man hier nicht erst langsam eine emotionale Bindung auf. Anbieter D legt alles auf einmal auf den Tisch: Lob, Kosten, Vertrag. Das ist einerseits transparenter, andererseits aber auch überrumpelnd. Ein dreifach ausgefertigter Vertrag, der schon im Briefkasten liegt, erzeugt einen ganz eigenen Druck: Das sieht nach einer Entscheidung aus, die eigentlich schon getroffen wurde. Man muss nur noch unterschreiben.
Die Wirkung des physischen Pakets ist dabei nicht zu unterschätzen. Eine E-Mail kann man überfliegen, löschen, vergessen. Aber ein Paket? Das macht man auf. Das liegt auf dem Küchentisch. Das fühlt sich an wie ein Geschenk, wie eine Wertschätzung, die über das Übliche hinausgeht.
Wenige Tage nach dem Eintreffen des Pakets folgte eine E-Mail mit der Nachfrage, ob alles angekommen sei. Auch das ist psychologisch klug: Es signalisiert persönliche Betreuung und schafft einen Gesprächsanlass. Die Autorin antwortet, bedankt sich, und schon ist ein Dialog entstanden.
Was auffällt, wenn man die Antworten nebeneinander legt
Vier Anbieter, vier verschiedene Methoden, aber dasselbe Ziel.
Anbieter A und C setzen auf die klassische Textbaustein-Strategie: schnelle Antwort, allgemeines Lob, Fragebogen, Wartezeit. Beide verwenden nahezu identische Abläufe, was darauf hindeutet, dass hinter den verschiedenen Verlagsnamen ähnliche Strukturen arbeiten.
Anbieter B investiert in KI-gestützte Textanalysen, die den Anschein einer echten inhaltlichen Auseinandersetzung erwecken. Dazu kommt eine ausgefeilte Verkaufspsychologie mit Exklusivität, Verknappung und persönlicher Ansprache durch die Verlagsleitung.
Anbieter D setzt auf die Haptik: ein physisches Paket, ein gedrucktes Gutachten, Preislisten und ein unterschriftsreifer Vertrag in dreifacher Ausfertigung. Hier wird nicht erst langsam aufgebaut, hier kommt alles auf einmal.
Keiner der vier Anbieter hat das Manuskript inhaltlich abgelehnt. Ein 20.000 Wörter langer, KI-generierter, stilistisch schwacher Fantasy-Text, der nicht einmal die Mindestlänge eines Romans erreicht, wird von allen vier als „interessant“ eingestuft.
Keiner der vier Anbieter hat angemerkt, dass der Text möglicherweise maschinell generiert wurde. Das wäre einem erfahrenen Lektor vermutlich sofort aufgefallen.
Bei drei der vier Anbieter ging es in der ersten Antwort nicht um Geld. Das kam erst später, nach dem Fragebogen, nach dem „Eingangslektorat“, wenn die emotionale Bindung aufgebaut war. Anbieter D wählte den direkteren Weg und schickte die Preise gleich mit, zusammen mit dem fertigen Vertrag. Zwei Strategien, dasselbe Ziel: Am Ende soll die Autorin zahlen.
Was ich daraus gelernt habe
Dieses Experiment bestätigt, was im Grundlagenartikel zu Druckkostenzuschussverlagen beschrieben wurde: DKZV verdienen ihr Geld nicht mit dem Verkauf von Büchern, sondern mit der Beteiligung der Autor:innen an den Produktionskosten. Deshalb ist es für sie nicht relevant, ob ein Manuskript gut, schlecht, zu kurz oder maschinell generiert ist. Jede Einsendung ist ein potenzieller Kunde.
Die Methoden werden dabei durchaus raffinierter. Für Erstautor:innen, die nach monatelanger Arbeit an ihrem Manuskript endlich Anerkennung suchen, sind die Methoden schwer zu durchschauen.
Die wichtigsten Warnsignale aus meinem Experiment:
- Du bekommst innerhalb weniger Tage eine positive Antwort auf eine unverlangte Manuskripteinsendung. Seriöse Verlage brauchen Wochen bis Monate.
- Die Antwort enthält kein einziges kritisches Wort zu deinem Text. Jedes Manuskript hat Schwächen. Wer nur lobt, will verkaufen, nicht verlegen.
- Die Antwort könnte auf jedes beliebige Manuskript passen. Wenn nichts Konkretes zu deinem Text gesagt wird, hat ihn vermutlich niemand gelesen.
- Und: Selbst wenn die Antwort konkretes Lob zu deinem Text enthält, heißt das nicht, dass ein Mensch ihn gelesen hat. KI kann solche Analysen in Sekunden erstellen.
Dieser Artikel ist Teil 2 zum Thema Druckkostenzuschussverlage. Teil 1 erklärt, was DKZV sind und wie du sie erkennst. In Teil 3 gehen wir ins Detail und sehen uns die Verträge und das Kleingedruckte an.


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