Selfpublishing unverbluemt Kolumne Folge 8

C.R. Scott ist erfolgreiche Autorin und Mitglied im Selfpublisher-Verband. In ihrer Kolumne „Selfpublishing unverblümt“ schreibt sie über Fettnäpfchen und andere Erfahrungen, die sie lieber nicht gemacht hätte.

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Folge 8: Wenn beim Wort „gratis“ die Nerven blank liegen

Sich darüber zu freuen, wenn man etwas umsonst bekommt, ist nur menschlich. Bei einigen geht diese „Menschlichkeit“ ja sogar so weit, dass sie kostenlose Dinge an sich reißen, von denen sie noch gar nicht wissen, ob sie sie gebrauchen können. Aber das soll jeder für sich entscheiden. Zumal der/die eine oder andere Autor:in für sein Marketing womöglich bewusst auf diesen Reflex setzt.

Auch ich veranstalte hin und wieder Gewinnspiele und lasse dafür extra Merchandising anfertigen. Seien es Notizblöcke, Tassen, Puzzles, Kerzen, Glitzerpostkarten, Magnete, Kugelschreiber, Sticker, Bonbons oder auch Taschenspiegel. Das macht mir auch Spaß, denn das bedeutet, dass ich kreativ werden, mit Dienstleister:innen zusammenarbeiten und den Leser:innenkontakt intensivieren kann. Selbst der Versand der Gewinne nervt mich nicht, denn das Signieren, Verpacken, Adressieren, Frankieren und Wegbringen verstehe ich als meditative Abwechslung zum Schreiben.

Leider scheinen jedoch nicht alle den Aufwand und die Kosten für solche Aktionen zu schätzen zu wissen. Bei einigen liegen die Nerven dermaßen blank, sobald es etwas umsonst gibt, dass sie ihren Anstand verlieren.

Was passiert, wenn ich ein älteres E-Book verschenke?

Nach sage und schreibe 20 veröffentlichten Liebesromanen habe ich es zum ersten Mal gewagt, eines meiner E-Books fünf Tage lang auf Amazon für null Euro anzubieten. Damit wollte ich einfach danke sagen, nachdem ich es zum ersten Mal auf die BILD-Bestsellerliste geschafft hatte. Die Wahl fiel auf mein älteres Werk „Mein Herz? Eine Festung“. Als die Aktion startete, verschickte ich einen Newsletter an meine Abonnenten und machte zudem auf Kanälen wie Facebook darauf aufmerksam. Und ich bin schier aus allen Wolken gefallen, als ich lesen musste, wie viele Lesenden die Aktion richtig wütend gemacht hat. Denn das waren die Lesenden, die genau dieses E-Book schon in ihrer Sammlung hatten. Sprich: Sie haben in der Vergangenheit bereits entweder € 0,99 oder € 2,99 gezahlt, je nachdem, ob sie beim Einführungspreis zugeschlagen haben oder erst später. Auf jeden Fall haben sie irgendwann mal Geld ausgegeben, um das E-Book „Mein Herz? Eine Festung“ lesen zu können. Dementsprechend hat sie die Gratisaktion verärgert. Vor allem auf den Newsletter habe ich teilweise echt unfreundliche Antworten bekommen, wahrscheinlich deswegen, weil diese ja ansonsten niemand mitlesen kann. Einige haben sich aus Protest sogar vom Newsletter abgemeldet. Dabei haben sie sogar noch betont, dass ihnen meine Romane eigentlich gut gefallen. So eine Wut zu spüren zu bekommen, hat keinen Spaß gemacht. War es das wert? Ich weiß nur, dass ich mir für die Zukunft wohl andere Wege überlegen muss, um danke zu sagen.

Auch Merchandising-Gewinnspiele sind riskant

Wenn an einem Gewinnspiel mehr Interessenten teilnehmen, als es Preise gibt, dann wird ausgelost. Das ist gängig und das weiß man eigentlich auch schon im Vorfeld. Klar, man freut sich, wenn es dann klappt und man zu den Gewinnenden zählt. Aber, ganz ehrlich, muss man auf die dramatische Mitleidsschiene gehen, wenn nicht? Wann immer ich auf Facebook die neuen Gewinnenden bekanntgebe, ernte ich traurige Smileys. Dazu schreiben einige mir explizit, wie enttäuscht sie sind und wie selten sie sich doch neue schöne Dinge leisten können und bald Geburtstag haben. Was soll das bewirken, außer dass ich mich schlecht fühle? Kann man sich nicht einfach mal für die Gewinner:innen freuen? Oder einfach gar nichts dazu sagen?

Aber wir sprechen natürlich wieder nur über die schwarzen Schafe. 99 Prozent meiner Lesenden sind freundlich und kollegial. Auch dann, wenn sie an einem Gewinnspiel teilgenommen haben und nicht ausgelost worden sind. Außerdem nutzen einige meiner Lesenden das Gewinnspiel als Gelegenheit, um mir zu schreiben, wie ihnen meine Bücher gefallen. Oder sie bedanken sich dafür, dass ich mir diese Mühe mache. Das finde ich total lieb und ich lese jede einzelne dieser Nachrichten mit Freude!

Aber von Extremfällen habe ich noch mehr auf Lager

Einmal, da habe ich meinen Testlesenden danke sagen wollen für ihre tolle Unterstützung. Denn einige von denen nehmen sich Monat für Monat echt viel Zeit, um meine Bücher aufmerksam zu lesen, mir Rückmeldung zu geben und mir aufzulisten, wo ich einen Vertipper übersehen habe. Auch das ist eine große Hilfe, damit meine Korrektorin später den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Doch erneut habe ich jemanden wütend gemacht, nachdem ich danke sagen wollte. Allerdings handelte es sich nicht um eine Testleserin von mir, sondern um eine Leserin, mit der ich noch nie etwas zu tun gehabt habe. Als Dankeschön habe ich nämlich eine Tasse mit exklusivem Motiv anfertigen lassen. Und dieses Motiv wollte ich gerne allen zeigen, also habe ich eine der Tassen abfotografiert und das Bild gepostet. Einige haben kommentiert, wie schön sie die Tasse finden … andere haben sich für die Testlesenden gefreut … andere haben gefragt, ob es die Tasse auch zu kaufen gibt. Und eine, die hat mich direkt angeschrieben und gefragt, ob sie auch noch schnell Testleserin werden und eine Tasse bekommen kann. Quasi als Voraus-Dankeschön, ohne schon etwas dafür getan zu haben. Ich antwortete ihr freundlich, lasse die Tasse aber außen vor, stattdessen erkläre ich ihr, wie das Testlesen bei mir abläuft. Dazu frage ich sie, wie ihre E-Mail-Adresse lautet und in welchem Dateiformat sie die Rohfassungen meiner Manuskripte brauchen würde. Darauf antwortet sie lediglich, wie gerne sie meine E-Books umsonst bekommen würde – und natürlich die Tasse. Mehr nicht. Auch 48 Stunden später ergänzt sie diese Nachricht um keine weitere Information, ist aber oft online. Also schreibe ich ihr, dass ich sie leider nicht in mein Testlese-Team aufnehmen kann. Das ist mein gutes Recht und ich habe ihr nie etwas versprochen. Natürlich lehne ich sie nicht grundlos ab, da sie mir leider den Eindruck vermittelt hat, dass sie nur etwas umsonst haben will und zudem aufmerksames Lesen nicht gerade zu ihren Stärken zählt. Ihre Reaktion darauf setzt dem Ganzen die Krone auf: So eine böse Nachricht habe ich selten gelesen. Darauf antworten musste ich aber sowieso nichts mehr, denn schon wenige Minuten später hat sie mich blockiert. Über eine gemeinsame Facebook-Freundin erfahre ich dann, dass die Blockierende öffentlich über mich lästert. Wieder knallt mir also blanke Wut entgegen, weil jemand eine Kleinigkeit nicht umsonst bekommen hat. Das ist erschreckend.

Es geht noch weiter

Bei LovelyBooks habe ich schon mehrere Leserunden veranstaltet. Auch welche, bei denen keine E-Books, sondern Taschenbücher vergeben wurden. Einmal, da hat mich eine Gewinnerin gebeten, ins Taschenbuch keine persönliche Widmung zu schreiben, weil sie es direkt bei eBay weiterverkaufen wollen würde, ohne den Roman zunächst selbst zu lesen. Dafür sind solche Leserunden ganz sicher nicht gedacht und das widerspricht in dem Fall klar den Richtlinien der Plattform. Dass das zudem nicht unbedingt nett den anderen und mir gegenüber ist – auch darauf hätte sie von selbst kommen können, oder? Aber auch so etwas kann vorkommen.

Apropos Richtlinien:

Scheiß doch auf Teilnahmebedingungen

Ebenso muss man damit rechnen, dass die Bedingungen für ein Gewinnspiel eiskalt ignoriert werden. Einmal, da habe ich eine Verlosungsfrage gestellt und wollte von den Teilnehmenden wissen, welches meiner Werke ihr Lieblingsbuch ist. Genau zu diesem Werk konnten sie dann etwas gewinnen. Wenn daraufhin jemand also einfach nur antwortet, dass er „hiermit in den Lostopf hüpft“, dann kann man davon ausgehen, dass er den Beitrag nicht richtig gelesen hat. Er hat wohl noch nicht einmal verinnerlicht, was es eigentlich zu gewinnen gibt und ob er es gebrauchen kann.

Dass auch mein Tag nur 24 Stunden hat, scheint egal zu sein

Einmal hat sich eine Gewinnerin bei mir beschwert, weil ihr Gewinn fünf Tage nach dem Einsendeschluss immer noch nicht bei ihr angekommen ist. Ich habe ihr daraufhin erklärt, dass ich auch noch andere Dinge zu tun habe, als nur Gewinne zu verschicken. Schreiben, zum Beispiel. Zwei, drei Wochen kann der Versand da schon mal dauern. Ist das wirklich so schlimm? Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Eine andere Newsletter-Abonnentin hat das aber noch getoppt. Diese hat mich eine mickrige Stunde nach dem Einsendeschluss gefragt, ob sie gewonnen hat. Obwohl ich zuvor geschrieben habe, dass die Gewinnenden benachrichtigt werden. Vor allem handelte es sich um ein größeres Advents-Gewinnspiel, an dem erfreulicherweise über 450 meiner Abonnenten teilgenommen haben. Man stelle sich nur mal vor, jeder von denen würde mich einzeln fragen, ob er gewonnen hat. Und dann noch in einem eher unfreundlichen Ton, ohne Begrüßung oder sonst etwas. Kann man das noch als Leserpost bezeichnen? Eher nicht.

Es geht auch in die andere Richtung

Auf der anderen Seite gibt es Leser:innen, die bei meinen Verlosungen total cool bleiben. Die nehmen teil, gewinnen, werden benachrichtigt … schicken mir allerdings nie ihre Adresse und beschweren sich auch nach Jahren nicht darüber, dass sie ja gar keinen Gewinn bekommen haben. Trotzdem antworten sie munter weiter auf andere Beiträge und legen sich meine Neuerscheinungen zu. So einer Abonnentin geht es wohl nicht darum, möglichst viel kostenlos abzustauben. Sie hat vielleicht im Affekt mal ein Gewinnspiel gereizt. Aber in erster Linie geht es ihr doch tatsächlich um meine Bücher.

Natürlich freue ich mich, wenn weiterhin Leser:innen an meinen Gewinnspielen teilnehmen. Sie auf die Beine zu stellen, macht mir wie gesagt Spaß. Und ich möchte die Gewinne, die ich vorbereite, viel lieber loswerden, anstatt sie zu Hause zu horten. Glücklicherweise wissen die allermeisten Leser:innen meine Verlosungen zu schätzen. So macht es richtig Spaß. Und ich glaube, ich werde bald sogar doch wieder mal eine Gratisaktion zu einem meiner älteren Backlist-Titel anbieten, die ein paar Tage lang läuft. Denn das ist und bleibt eine Chance, neue Leseratten auf sich aufmerksam zu machen.

Nächsten Monat erfahrt ihr, wie es sich anfühlt, wenn Verlage etwas vom Kuchen abhaben wollen. Jeden 20. des Monats gibt es einen neuen Beitrag der Kolumne im Blog des Selfpublisher-Verbandes.

CR Scott Unterschrift


C.R. Scott Kolumne Selfpublishing unverblümt ProfilbildC.R. Scott – Autorin, Grafikerin und jetzt auch Kolumnistin

C. R. Scott wurde 1984 in Schleswig-Holstein geboren und hat Literatur studiert. Egal ob prickelnd, fantastisch oder verträumt – ihre Liebesromane begeistern Tausende von Lesern. Inzwischen gibt es einige ihrer Bestseller auch als Hörbuch. Die Autorin ist Mitglied im Montségur Autorenforum und war in der Jury für den Selfpublishing-Buchpreis 2020. Wenn sie mal nicht schreibt, geht sie am liebsten durch den Wald spazieren und lässt sich für neue Geschichten inspirieren.

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